Alltag

Wir streiken! – oder: Ich halte jetzt die Luft an, bis Du ja sagst!

Ich habe ja schon lange Zweifel daran, dass Streiken wirklich die ultimative Lösung in einem Streit um Tariflöhne ist. Sicher mag dies in den Zeiten, als die ersten Gewerkschaften entstanden gut und richtig gewesen sein, denn damals war es bei weitem nicht so einfach sich Gehört zu verschaffen. Im Gegensatz zu heute, wo im Grunde jeder meint, weil er am lautesten schreit habe er die meisten Recht(e).

Grundsätzlich ist an der Arbeitsniederlegung sicher nichts  falsches, so lange es einen gewissen Rahmen nicht überschreitet. Zum Beispiel, dass damit mehr Schaden angerichtet wird, als das es hilft. Nicht selten müssen Mitarbeiter entlassen werden, damit die Forderungen nach höheren Löhnen erfüllt werden können. Was nicht selten dazu führt, dass Mitarbeiter mehr Aufgaben zu tragen haben und somit eine Mehrfachbelastung haben. Was wiederum zu neuem Unmut und dem Gefühl „Ich bekomme viel zu wenig für das, was ich hier tue.“ führt – und damit zu neuen Forderungen und nicht selten zu neuen Streiks.

Ich habe selbst schon einige Streiks erlebt, jedoch noch nie hat es derartige Ausmaße angenommen, wie der aktuelle Streik der Gewerkschaft der Lokführer (GDL). Meistens wird ein oder zwei Tage gestreikt, oft auch erst, wenn der Berufsverkehr vorbei ist, so damit Schüler und Berufstätige nicht ins Hintertreffen geraten. Hier artet das Mittel der Arbeitsniederlegung jedoch in einen Machtkampf aus. Im Gegensatz zu anderen Branchen, die aktuell ebenfalls streiken, sehe ich hier für ein solches Ausmaß keine Veranlassung. Denn Angebote gibt es genug. Und diese sind gar nicht mal schlecht. Doch der GDL, und namentlich Gewerkschaftschef Herrn Claus Weselsky, geht es schon lange nicht mehr um höhere Löhne oder bessere Arbeitsbedigungen. Mittlerweile geht es nur noch darum, zu beweisen, wer den längeren Atem hat, denn die GDL möchte Tarifverträge auch für andere Mitarbeitergruppen aushandeln dürfen. Was in sich unsinnig ist, denn sie sind schon per Namen eine Gewerkschaft für Lokführer. Ich habe selbst für zwei Eisenbahnunternehmen gearbeitet und kenne niemanden, der Mitglied der GDL wäre. Selbst viele der Lokführer sind in der wesentlich größeren EVG organisiert und nicht in der GDL. Somit wären die Forderungen der GDL obsolet, es sei denn man unterstellt den Hintergedanken, dass mit dem Durchsetzen der Forderung die Hoffnung auf mehr Mitglieder bestünde und somit mehr Geld – nicht zuletzt mit für die Gewerkschaftsführung. Ein Schelm, wer böses beim Verhalten der GDL denkt.

Vor diesem Hintergrund bekommt die Streikerei für mich einmal mehr das Aussehen einer sehr kindlichen Trotz-Handlung: „Dann halte ich jetzt eben die Luft an, bis Du Ja sagst!“ Anstatt sich, wie vernunftbegabte Menschen an einen Tisch zu setzen, miteinander zu reden oder sich bei so arg festgefahrenen Verhandlungen Hilfe in Form von Mediatoren zur Schlichtung zu holen, stellt man sich hin und droht mit längeren und längeren Streiks. Vor allem der Vorwurf, es gäbe kein vernünftiges Angebot mag einem lächerlich erscheinen, wird doch eine Lohnsteigerung angeboten, nach der sich Zugehörige anderer Branchen die Finger lecken würden. Nein, das ist natürlich kein Angebot, denn die Deutsche Bahn weigert sich weiterhin der Gewerkschaft der Lokführer für andere, Nicht-Lokführer zu verhandeln. So wird, bildlich gesprochen, trotzig mit dem Fuß aufgestampft und die Arme verschränkt.

Und nun auf einmal kommt auch die EVG auf die Idee, dass man sich, für alle anderen, auch mal wieder mehr einsetzen könnte und stellt versteckte Streikdrohungen in den Raum. Vielleicht aus Sorge, die eigenen Mitglieder könnten abwandern, sollte die Deutsche Bahn eventuell doch einlenken. Oder wie das große Geschwisterkind, dass sich aus Solidarität anschließt und ebenfalls mit Trotz reagiert. Und so stehen da im Grunde vernunftbegabte Menschen und benehmen sich wie kleine Kinder, die ihren Verstand noch nicht so einsetzen können. Wenn ihr nicht macht, was wir wollen, dann streiken wir! (Oder eben „Wir halten jetzt so lange die Luft an, bis ihr Ja sagt!“)

Generell halte ich das Mittel Streik, wie eingangs erwähnt heutzutage nicht mehr für sinnvoll. Der entstehende Schaden ist größer als der Erfolg. Nicht nur für die bestreikten Unternehmen, sondern auch für alle anderen Betroffenen. Pendler müssen wieder aufs Auto umsteigen, weil Züge nicht rechtzeitig für alle Pendelzeiten bereitgestellt werden können. Logistikunternehmen müssen umdisponieren, damit Waren dennoch rechtzeitig ankommen. Nicht-GDL-Mitglieder müssen Ausfälle abfangen, die durch diese Streiks entstehen, sind zusätzlich selbst als Pendler betroffen und mit dem, absolut verständlichen, Unmut der Fahrgäste konfrontiert. Und weiter gedacht, denn auch die KiTa Mitarbeiter streiken diese Tage ebenfalls: arbeitende Eltern müssen die Betreuung ihrer Kinder organisieren, eventuell sogar Urlaubstage in Anspruch nehmen, weil es niemanden gibt, der die Betreuung auffangen kann. Sicher mögen die Forderungen gerechtfertigt sein. Doch entsteht auch hier wieder ein größerer Schaden, als dass es Nutzen bringen wird. (Unter diesem Aspekt wundert es auch kaum, dass Arbeitgeber zurück schrecken Mütter und Väter einzustellen, denn nicht nur Ausfall durch ein erkranktes Kind ist zu befürchten, sondern auch regelmäßige Ausfälle durch bestreikte KiTas.)

Also, bitte, überlasst das kindliche Verhalten den Kindern, denn diese lernen noch, dass man viel damit erreichen kann, wenn man miteinander redet. Bitte, geht mit gutem Beispiel voran, setzt euch an einen Tisch und redet miteinander. Und hört einander zu. Und wenn das nicht geht, holt euch jemanden zum Schlichten. Denn, was hier im Großen als Arbeitskampf zelebriert wird, zeigt deutlich, wie auch im Kleinen Konflikte gehandhabt werden. Wir sollten uns also in solchen Situationen die Zeit nehmen zu reflektieren und daraus zu lernen, wie wir in Zukunft Konflikte und Streitigkeiten handhaben wollen. Im Idealfall durch intensive, ehrliche Gespräche. Wir sollten nie vergessen, wir sind nicht allein, es geht nicht immer nur um unser eigenes Wohlergehen. Mit allem was wir tun, was wir für uns wollen, beeinflussen wir auch immer alle anderen in unserem Umfeld. Alles was wir tun zieht seine Kreise und kann auch viel später noch Konsequenzen haben. Nur mit diesem Bewusstsein können wir unser Handeln überdenken und ändern, um endlich an einen Punkt zu kommen, an dem wir, wie man so schön sprichwörtlich sagt, unseren Schatten springen und wieder zu einem Miteinander fähig sind.

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