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Überflieger, Nachzügler – mein Kind kann (schon)

Nein, keine Sorge, es kommt jetzt keine Auflistung, was meine Tochter kann oder nicht kann und was sie nach gängigen Tabellen können sollte. Allerdings ist mir aufgefallen, dass ab dem Zeitpunkt, an dem Babies anfangen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu entwickeln, Eltern dazu neigen, diese zu betonen. Oder zu „fördern“ indem etwas immer und immer wieder geübt wird. Drehen ist da so ein Beispiel. Wie oft lese ich, dass die Babies zum einen die Bauchlage doof finden und zum anderen keine Anstalten machen, sich zu drehen, egal, wie oft man es übt. (Ich mag hier mal anmerken, dass Bauchlage hier auch erst seit sie sich durch die Gegend rollt, wirklich cool ist und man auch gerne mal fröhlich quietschend mit einem Spielzeug auf dem Bauch liegen bleibt.) Das Problem bei dieser Herangehensweise ist in meinen Augen diese: Der Impuls geht von den Eltern aus. Die Eltern entscheiden „Jetzt wird das und das geübt.“ Sie warten nicht ab, wann das Baby selbst Bereitschaft dazu signalisiert, etwas neues zu lernen. Und sie wollen, dass nach ihren Methoden gelernt und geübt wird, anstatt es einfach mal machen zu lassen. Denn meistens, wenn man die Kleinen einfach mal lässt, finden sie von ganz allein heraus wie sie an das heran kommen, was sie haben wollen. Oder dorthin, wo sie hin wollen. Dabei kann es vorkommen, dass Kinder aus den üblichen Plänen, Tabellen und Meilensteinen heraus fallen. Allerdings erlernen sie dabei zwei ganz wichtige Kompetenzen, die um einiges mehr Wert sind, als sich so entwickeln, wie es irgendwer mal statistisch festgelegt hat. Sie lernen zum einen Lösungen selbst zu entwickeln, in dem sie immer wieder unterschiedliche Möglichkeiten ausprobieren. Die zweite, fast noch wichtigere Kompetenz, ist der Umgang mit Frust. Natürlich funktioniert nicht alles sofort und nicht alles so, wie man es sich denkt. Weder für Babies, noch für uns Erwachsene. Damit umgehen zu lernen und den Frust als positive Antriebskraft zu nutzen, sprich Beharrlichkeit, ist etwas, was man nicht früh genug lernen kann. Was nicht bedeutet, dass man das Baby deswegen ewig zeternd herum liegen zu lassen. Natürlich brauchen sie Trost, doch keinen in Form dessen, dass ihnen zu sehr geholfen wird (z.B. das Spielzeug reichen). Es macht mehr Sinn, die Frustsituation erst einmal zu beenden und dem Baby zu signalisieren, dass man seinen Ärger ernst nimmt, wie auch bei allen anderen starken Emotionen. Ich denke nämlich, dass man nicht erst im so genannten Trotzalter damit beginnen kann, Gefühle direkt anzusprechen und Verständnis zu zeigen. Sicher verstehen die ganz kleinen die Worte noch nicht, aber sie verstehen die Stimmung, den Tonfall, den generellen Umgang mit ihnen. Ich bin mir sicher, dass es später sehr hilfreich sein wird.

Und dennoch, es scheint irgendwie ein Bestreben von Eltern (und nicht nur Erst-Eltern, wie mir aufgefallen ist), dass sich ihr Baby schön nach den Meilensteinen zu richten hat, am besten noch ein wenig früher, als „zeitgerecht“. Denn nur dann kann man sagen „Mein Kind kann schon….“. Und da werden Fertigkeiten, wie das simple Imitieren von Gesten, als Meilensteine hervor getan. Sicher, es ist total süß, wenn ein kleines Baby winkt oder Kußhändchen verteilt. Wenn es von sich aus anfängt, dies zu imitieren, ist das natürlich schön. Und doch, ein Baby weiß nicht wirklich, was es da tut. Das Winken sowohl Gruß, als auch Abschied sein kann, ebenso wie Kußhändchen oder ähnliche Gesten, das wird ihm sehr wahrscheinlich noch nicht so präsent sein. Es tut es, weil es sieht, dass es die Eltern freut und das wiederum freut das Baby. Schlicht, es macht einfach Spaß. Das ist vollkommen in Ordnung so, Spaß ist wichtig und auch das stärkt die Bindung. Doch es wirkt immer etwas, als würde man dieses hernehmen, wenn das Baby noch nichts macht, was es in seinem Alter machen sollte. Dabei können die Kleinen so wunderbare Fertigkeiten entwickeln und so schön signalisieren, was sie gern lernen möchten. Sei es nun Rollen, der Umgang mit unterschiedlichen Konsistenzen, brabbeln oder die ersten Versuche mit Besteck zu essen. Es muss sich kein Kind nach irgendwelchen Richtlinien entwickeln. Weder körperlich, noch geistig. Es ist nur wichtig, dass es sich entwickelt, Fortschritte in seinem Tempo macht. Manche lernen am laufenden Band, andere ruhen einige Zeit und machen dann riesige Sätze. Es braucht keine Charts, Tabellen oder Richtlinien, nur ein bisschen Aufmerksamkeit seinem Baby (oder Kind) gegenüber.

 

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