Familie (Blogparade)

So, nun wage ich mich also daran, an meine erste Blogparade. Das Thema ist für mich nicht ganz ohne. Und gerade deswegen denke ich, dass es ein gutes Thema für eine Blogparade ist.

Kernfamilie, Ursprungs- oder Stammfamilie, Schwiegerfamilie, Stieffamilie, Patchworkfamilie – so viele Beschreibungen für letztendlich die gleiche Institution: eine Familie. Familie umschreibt die Zusammengehörigkeit durch Abstammung oder eine soziologische Lebensgemeinschaft (z.B. Partnerschaft, Heirat oder auch Adoption).

So einfach die Definition, so schwierig ist es für mich, dieses Wort überhaupt zu verwenden. Denn es gehört mehr, als nur die genetische Abstammung dazu. Natürlich bin ich mit meinen Eltern, meiner Schwester und meinen Großeltern, sowie der weiteren Verwandschaft genetisch verbunden. Damit endet es jedoch für mich. Ich habe zu meiner genetischen Familie keinen Kontakt mehr. Als ich schwanger war, bestand noch der Kontakt zu meiner Schwester. Ich habe auch immer wieder darüber nachgedacht, wieder Kontakt zu meinen Eltern zu suchen. Doch dann kamen automatisch die Gefühle hoch, die Art, wie mit mir umgegangen wurde. Eine Art, geprägt von emotionaler Erpressung, Erwartungsdruck und Manipulation. Ich bin in der DDR geboren, die Mauer fiel als ich in der zweiten Klasse war. Ich kam früh in die Krippe, meine Mutter arbeitete, mein Vater „studierte“ Theologie. Wir lebten auf dem Dorf. Ich war immer die erste die gebracht, die letzte, die geholt wurde, denn meine Mutter hatte kein Auto und musste mit dem Bus in die Stadt zur Arbeit fahren. Die gute DDR Pädagogik habe ich geniessen dürfen, mit erzwungenem Mittagsschlaf und es wird aufgegessen, was auf den Tisch kommt. Besonders gegen letzteres rebellierte mein Körper schnell, denn ich bekam in mich hinein gestopft, was ich selbst nicht essen mochte. Zuhause habe ich mir dann die Seele aus dem Leib gekotzt. Ich war oft krank, habe alles mitgenommen (nein, Mumps kann ich definitiv niemandem empfehlen). Dass ich so oft krank war, betonte meine Mutter immer gern. Immer schwang ein leichter Vorwurf mit. Als ob ich sie von irgendwas abgehalten hätte dadurch, dass sie bei mir bleiben musste. Diese Art von Vorwurf bekam ich mein Leben lang zu hören, in unterschiedlichen Abstufungen. Letztendlich war ich an allem Schuld. Wo ich doch ein Wunschkind war. Klar, so lange ich gehorsam bin, mich füge und brav dirigieren lasse, klar so lange war ich sicher ein Wunschkind.

Mein Vater war schon immer gut im manipulieren und lügen. Besonders gut war er darin, einem ein schlechtes Gefühl zu machen, dafür zu sorgen, dass man sich in der eigenen Haut unwohl fühlt. Fiese kleine Stiche, die erst viel später beginnen zu schmerzen und man erstmal nicht weiss warum. Er hat sich eine neue Familie gesucht, hat eine Zeit lang ein Doppelleben geführt, bis er dann irgendwann „spontan“ auszog. Mir und meiner Schwester teilte er das am Telefon mit. Der Bruch mit ihm war der erste. Ich vollzog ihn, während ich in Irland lebte. Der Schritt war notwendig, ich hatte weder Lust auf Lügen, weitere Versuche mich schlecht zu machen und heile Welt mit meiner „Stiefmutter“ und ihrem Sohn zu spielen. Irgendwann werden seine Lügengebäude so groß sein, dass sie einbrechen.

Als ich aus Irland zurück kam, wohnte ich vorüber gehend bei meiner Mutter. Es war für mich der letzte Versuch nochmal ein Fundament aufzubauen. Ich habe mich wirklich zurück genommen, mich fast verbogen, damit mir wenigstens noch ein bisschen Familie bleibt. Keine Chance. Es gab permanent Streit, provozierten, erzwungenen, GEWOLLTEN Streit. Wenn mal ein paar Tage alles gut lief, suchte meine Mutter gern mit Macht einen Grund. Und sei es, jemand tat sich mehr auf den Teller, als er letztendlich aß. Das war Grund genug alle schlimmen Taten, die man so in seinem Leben verbrochen hat, aufgezählt zu bekommen (ja, ich bin doch als kleines Kind mit purer Absicht mit dreckigen Stiefeln durch die frisch gewischte Küche gelaufen….weil ich meiner Mutter etwas zeigen wollte). Als ich eine Wohnung fand, versuchte sie mir diese schlecht zu reden. Versuchte Besuchszeiten zu erzwingen, wollte Abrufbarkeit meinerseits. Klare Ansage von mir: Spontan vorbei kommen ist nicht. Keine Anmeldung, kein Einlass. Hart, doch irgendwo muss man auch Grenzen ziehen. Unverständnis. Keine Akzeptanz meiner Grenzen. Irgendwann hat es mir gereicht. Ich ging nicht mehr ans Telefon. Reagierte komplett gar nicht mehr. Nicht auf Anrufe, nicht auf irgendwelche Briefe oder sonstiges. Und fühlte mich frei, fühlte mich gut dabei, vermisste nichts.

Eine Zeit lang war der Kontakt zu meiner Schwester weg, dann zog sie aus und bekam zu spüren, wie unsere Mutter schon mich behandelt hatte. Da nahm sie wieder Kontakt auf. Ich freute mich, ich liebe meine Schwester. Wir besuchten uns, wir waren uns wieder so nah wie früher, dachte ich. Das Gewitterhexlein trägt den Namen meiner Schwester als Zweitnamen. Ich denke das sagt viel aus. Meine Schwester ist Patin vom Hexlein. Ich dachte, das bedeutet ihr etwas. Das Hexlein kam im Juni zur Welt, Ende August besuchte uns meine Schwester. Es war ziemlich heiss. Entsprechend blieben wir tagsüber nur in der Wohnung. Mit Baby in die Hitze ist einfach nichts. Abends gingen wir spazieren. Es war der letzte Besuch. Wir haben danach noch zweimal miteinander gesprochen. Danach wurde nicht mehr reagiert. Begründung zuviel Stress mit dem Studium, Bachelorarbeit. Mir ging es schlecht, richtig schlecht und ich hatte und habe hier niemanden zum Reden, niemanden, der auch versteht, was die Hormone so mit einem anstellen. Ich habe auf allen möglichen Wegen versucht wieder Kontakt zu bekommen. Keine Chance. Ich weiss bis heute nicht, was ich verbrochen habe.

Das ist also meine genetische Familie. Meine Schwester vermisse ich, den Rest nicht. Sie haben mir so oft und so sehr weh getan, dass kann und will ich meiner Tochter nicht antun.

Im Gegensatz dazu, die Eltern meines Mannes. Ja, das ist eher Familie. Auch wenn sie früher vielleicht Unterschiede zwischen ihren beiden Kindern gemacht haben, so lieben sie sie beide. Manchmal muss man Unterstützung etwas vehementer einfordern, aber man bekommt sie, finanziell sowieso immer. Teilweise sogar ungefragt (das Kinderzimmer z.B. oder das Angebot das erste KiTa-Jahr zu zahlen, wenn wir dann einen Platz haben). Ich wurde akzeptiert, auch wenn ich wirklich kein einfacher Mensch bin. Mein Mann betont gern, dass es unsere Familie ist, nicht nur seine. Vor allem, wenn es mir schlecht geht, sagt er „Es ist nicht nur meine Familie, es ist auch Deine.“ Es fällt mir oft schwer, doch ja, es stimmt. Klar, es gibt immer wieder Momente, die sind einfach überflüssig, aber die gibt es mit allen Menschen, mit denen man zu tun hat.

Familie ist also nicht nur Genetik. Und auch nicht nur der soziologische Grund. Familie ist für mich vor allem eins: Liebe, Akzeptanz und Geborgenheit. Das habe ich mit meiner kleinen eigenen Familie, aber eben auch mit der Familie meines Mannes (soweit ich es für mich zulassen kann).

Was ist Familie für Dich? Wie siehst Du Deine Familie? Wenn Du an meiner Blogparade teilnehmen möchtest, dann schreibe bis zum 31.08.2016 einen Beitrag mit Verweis auf die Parade. Poste diesen dann den Link hier als Kommentar. Verweise am Ende Deines Beitrages auf den nachfolgenden Blog in der Reihe.

 

Tanja von HerzBauchWerk schreibt über Rollen, die man in der Familie gefühlt zwangsläufig übernimmt und wie sie und ihre Familie ihren eigenen Weg, ihr eigenes Drehbuch zu schreiben begonnen haben (und immer noch schreiben).

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