Metta – Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst?

Ich bin in einem christlichen Umfeld aufgewachsen und daher bisher mit dem Konzept der christlichen Nächstenliebe bekannt. Nächstenliebe ist eine Einstellung zu anderen Lebewesen, die bei vielen Menschen, erstaunlicherweise auch bei vielen bekennenden Christen, für Verwirrung sorgt. Denn was bedeutet das überhaupt? Liebe wird in unserem Sprachraum mit der Liebe zwischen zwei Partnern, sowie einem gewissen sexuellen Verlangen, verbunden. Aber ist Liebe denn tatsächlich darauf beschränkt? Ich habe mir bereits früh angefangen mir Gedanken darum zu machen und mir den Satz auseinander genommen. Um den Inhalt zu verstehen, muss man das Pferd jedoch von hinten aufzäumen. Denn anfangen muss man bei sich selbst, bevor man sich anderen zuwenden kann.

Also, Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst – das heisst, ich muss zunächst mich selbst lieben. Geht das überhaupt? Sich selbst lieben? Schnell ist man hier bei Selbstverliebtheit, Egoismus und ähnlichem. Dabei umfasst Liebe doch viel mehr Nuancen, als die übertriebene Ich-Bezogenheit. Sich selbst lieben bedeutet, sich selbst so zu akzeptieren, wie man ist. Keine (dauerhaft) negativen Gefühle sich selbst gegenüber zu haben, sondern sich so anzunehmen, wie man ist. Sich seiner eigenen Wesenheit bewusst zu sein und diese zu respektieren. Sich selbst Mitgefühl gegenüber zu haben, wenn einen Rückschläge im Lebensalltag treffen. Zusammengefasst: sich selbst gegenüber Respekt zu haben und respektvoll mit sich selbst umzugehen. Eine positive Grundeinstellung sich selbst gegenüber zu haben. Diese Grundeinstellung lässt sich dann auf andere übertragen: Liebe Deinen Nächsten. Wenn ich mich selbst so annehmen kann, dann kann ich dies auch mit meinem Gegenüber tun.: Meinen Nachbarn, der vielleicht immer durchs Treppenhaus trampelt. Den Busfahrer, der heute so unfreundlich war. Die älteren Herrschaften, die immer dann einkaufen, wenn man selbst einkaufen geht und dann immer im Weg stehen. Diese Liste lässt sich unendlich fortsetzen, denn im Grunde gibt es jeden Tag mindestens eine Person, die wir so nicht hinnehmen können und wollen, wie sie ist. Und selbst vor unserer Familie, unseren Freunden und Lebenspartnern und eigenen Kindern, machen wir nicht halt. Immer wieder sind wir der Ansicht, dass sie anders sein müssten. Wir finden immer wieder einen Grund an anderen etwas ändern zu wollen, Letztendlich spiegelt das jedoch unsere eigene Unzufriedenheit wieder. Denn, Hand aufs Herz, wer nimmt sich selbst so an, wie er ist und sucht (und findet) nicht auch bei sich selbst dauernd etwas auszusetzen?

Nun habe ich mich im Rahmen meiner Achtsamkeitsmeditation auch mit Metta-Meditationen beschäftigt. Metta wird oft mit Liebende Güte übersetzt, ist jedoch das Pali-Wort (Pali ist die Sprache des Buddha) für Liebe. Die gängige Bezeichnung deutet bereits an, dass metta natürlich nicht die Liebe im Sinne des gängigen Verständnisses handelt. Metta umfasst alle Lebewesen, das ganze Universum. Mit der Praxis von metta erkennen wir, dass der gesamten Welt Liebenswürdigkeit inne wohnt und wir uns ihr nur öffnen brauchen. Metta, liebende Güte, beinhaltet natürlich nicht nur diese Einstellung anderen, sondern auch uns selbst gegenüber. Oder besser, grundsätzlich müssen wir uns gegenüber zunächst Liebe empfinden, sonst ist kein metta möglich. Nur wenn wir uns selbst lieben, können wir metta in die Welt senden und metta empfangen. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir auf einen Schlag alle Menschen toll finden müssen, mit allen klar kommen müssen und es allen recht machen müssen. Es bedeutet, dass wir, auch wenn wir jemanden nicht mögen, akzeptieren können, dass dieser Mensch oder dieses Wesen so ist, wie es ist. Wir wehren uns nicht mehr dagegen, dass diese Person Eigenschaften hat, mit denen wir nicht zurecht kommen. Wir akzeptieren es und vielleicht erkennen wir sogar doch noch das ein oder andere positive und wenn es nur die geringste Kleinigkeit ist, an diesem Wesen. Aber auch wenn nicht, so können wir doch leichter mit unserem Alltag umgehen. Wir müssen nicht immer wieder Angst vor dem einen Kollegen haben, weil der ja so doof/anstrengend/nervig ist. Wenn wir uns vom dauernden Bewerten ab und zur Akzeptanz hin wenden, wird das Leben ruhiger, entspannter…glücklicher. Die Grundlagen für metta oder Nächstenliebe oder wie man es auch immer nennen möchte, die Veranlagung für diese Empfindung tragen wir alle in uns.

Interessanterweise haben sich in zwei unterschiedlichen Religionen, die aus vollkommen unterschiedlichen Kulturkreisen stammen, das gleiche Bild von sich selbst und ihrer Umwelt entwickelt. Jeder sollte sich selbst so annehmen, wie er ist. Wenn er dies kann, dann kann er auch alle andere Lebewesen so annehmen, wie sie sind. Und wenn er dies kann, dann kann er feststellen, dass sie alle Teile des gleichen großen Universums sind. Und das jedes Lebewesen seinen Grund hat auf dieser Welt zu weilen, ungeachtet dessen, wie man selbst dies nun bewerten möchte. Diesen Hang zum Bewerten tragen wir ebenfalls in uns. Doch können wir, wenn wir uns dessen bewusst werden, diese Bewertungen ziehen lassen, wir können akzeptieren, dass wir so sind. Wir verachten uns nicht deswegen nicht mehr. Und so steht alles was wir in diesem Bewusstsein denken und tun in einem ganz anderen Licht. Ein Licht, dass uns den Weg zu einem zufriedenere, glücklicheren und vor allem erfüllteren Leben weisen kann.

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