Meine ersten achtsamen Schritte

Als ich angefangen habe mich mit Meditationen und in diesem Zusammenhang mit Achtsamkeit zu beschäftigen, war ich etwa in der 15. Woche schwanger. Ich hatte einen ziemlichen Kampf mit meinem Arbeitgeber,der Mutterschutz eher als lockere Richtlinie, denn als gesetzliche Verpflichtung ansah, hinter mir. Selbiger Konflikt mündete letztendlich in einem Beschäftigungsverbot durch das Gewerbeaufsichtsamt. In den ersten, kritischen Monaten, waren mein Baby und ich bereits heftigstem Stress ausgesetzt. Diesem habe ich zu dem Zeitpunkt noch versucht durch Ablenkung bei zu kommen: TV, Spiele am PC, Spiele auf dem Tablet. Bloß nicht anfangen nachzudenken, denn ich wäre sofort wieder in einem Gedankenkarussel der übleren Art gelandet. Nachdem dies ausgestanden war, kam ich zwar in dieser Hinsicht zur Ruhe. Doch als werdende Mutter ist man nie wirklich gefeit vor den äußeren Einflüssen und so kamen dann wieder andere Themen, die mich gedanklich total aufrieben: Was darf ich essen, was nicht? Gefährde ich mein Kind, wenn ich dies oder jenes tue oder eben nicht tue? Könnte mein Kind krank zur Welt kommen? Und dann die Schmerzen, die mit Sicherheit auf mich zukommen werden zum Ende der Schwangerschaft und bei der Geburt? In Folge dessen stellte ich mir zum einen ein gewisses Internetverbot, diverse Ratgeber flogen vom Tablet oder wurden aus der hauseigenen Bibliothek verbannt. Alles barg auf einmal die Gefahr unbegründet Ängste in mir hervor zu rufen. Anschliessend startete ich wieder meine Ablenkungsmanöver. Allerdings wurde mir zum einen recht schnell langweilig, zum anderen stellte ich fest, dass es nichts mehr half. Was also tun? Ich erinnerte mich an die Ruhe, die ich im Yoga gefunden hatte (wozu mir jedoch zu dieser Zeit Muße fehlte) fing an mich im Internet nach Entspannungsmethoden für die Schwangerschaft umzusehen. Das Angebot dafür ist bei weitem nicht so groß, wie man zuerst vermuten mag. Der Markt für Schwangerschaft, Baby und Kind ist riesig, aber das wenigste wirklich hilfreich. Sicher, es gibt CDs und Bücher für Tiefenentspannung und progressive Entspannung. Doch das war nicht das, was ich suchte. Ich wollte mehr, als „nur“ entspannter zu werden. Mehr als mit Hilfe von Musik und CDs innerlich zur Ruhe kommen. Bei meiner Suche stieß ich zunächst trotzdem erst einmal nur auf eine CD mit geführten Meditationen, die mir in Ansätzen zusagte. Hierzu gibt es auch ein passendes Buch, dieses habe ich mir jedoch nicht zugelegt. Mir reichte die CD. Es handelte sich um „Fühl Dich wohl – Meditationen für Schwangerschaft und Geburt“ von Bianca Joggerst. Die CD umfasst Meditationen zu jedem Schwangerschaftsmonat, sowie einige ergänzende Meditationen, wie eine Chakren Meditation. Die einzelnen Meditationen werden von leiser, leichter Musik begleitet. Es wird vor viel mit Visualisierungen gearbeitet, die ich als sehr angenehm und schön empfunden habe. Sie halfen mir vor allem meiner Schwangerschaft und der Tatsache, dass in mir neues Leben heran wächst, bewusst zu werden. Dieses Bewusstwerden hat mich bereits um einiges ruhiger werden lassen. Dennoch hatte ich weiter das Bedürfnis nach mehr. Auch wenn ich keine Ahnung hatte, was dieses „Mehr“ sein sollte. Also begab ich mich wieder auf die Suche, gezielt nach Meditationen. Hierbei stieß ich auf ein Buch, dass mir letztendlich den Weg für innere Ruhe ebnete und mir ein mächtiges Werkzeug, mit Stress im weitesten Sinne umzugehen. „Der achtsame Weg durch Schwangerschaft und Geburt“ von Nancy Bardacke enthielt das, was ich mir erhofft hatte. Ich fand dieses „Mehr“, diese tiefere Ruhe und Gelassenheit, nach der ich gesucht habe – Achtsamkeit war die Antwort.

Nun mag man sich fragen, was ist das eigentlich? Das Wort Achtsamkeit wird im heutigen Sprachgebrauch oft verwendet, wenn es darum geht etwas einen erhöhten Wert an Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Doch ist das tatsächlich der Inhalt von Achtsamkeit? In seinem Buch „Zur Besinnung kommen“ beschreibt Jon Kabat-Zinn Achtsamkeit als „nichturteilendes Gewahrsein von Moment zu Moment(…), das kultiviert wird, indem man auf eine bestimmte Weise aufmerksam ist, das heisst im gegenwärtigen Augenblick.“ Also im Grunde ja, es hat etwas mit Aufmerksamkeit zu tun. Jedoch nicht mit simplen „genauer hinsehen“ oder „genauer hinhören“. Achtsamkeit greift viel tiefer und viel weiter. Wer kennt dieses unendliche und dennoch beruhigende Gefühl, wenn man am Strand steht und auf das Meer blickt nicht? Diese Ruhe und das Wissen, Teil eines großen Universums und damit vollkommen zufrieden zu sein. Dieses Gefühl, die Zeit würde genau in diesem Augenblick stehen bleiben, während man einfach nur die Luft, das Rauschen des Meeres und das (Sonnen-)Licht aufnimmt. Diese Momente, die die meisten wahrscheinlich nur im Urlaub erleben, sind Momente der Achtsamkeit.

Es ist eine universelle Fähigkeit, etwas zu dem jeder menschliche Geist fähig ist. Und doch nutzen wir diese Fähigkeit nicht. Entweder, weil wir ihrer nicht bewusst sind oder, weil es uns zu anstrengend ist, den ersten Schritt in diese Richtung zu machen. Denn Achtsamkeit wird durch Meditation kultiviert. Meditation klingt im ersten Moment unglaublich anstrengend. Wir haben alle das Bild eines im Lotussitz sitzenden kahlköpfigen Mönches, dessen Arme ausgestreckt auf den Knien ruhen, die Hände in der Mudra Handhaltung, im Kopf. Und die meisten von uns werden denken „Mann, das sieht verdammt anstrengend aus.“ Grundsätzlich muss eine Meditation nicht zwangsläufig in einer solchen Haltung durchgeführt werden. Es kommt auf die Art der Meditation an, ob es beispielsweise eine reine Sitzmeditation (wie z.B. im Daishin Zen) handelt oder eine Atemmeditation im Rahmen von Yogaübungen (hier kommt die Mudra Haltung eher zum Einsatz). Achtsamkeit kann in den unterschiedlichsten Meditationsarten kultiviert werden. Und das Faszinierende ist, Achtsamkeit kann man sowohl in der formalen Meditationssitzung, als auch durch sogenannte informale Übungen im Alltag. Das bedeutet, man kann im Laufe eines Tages, neben der festen Meditationszeit, die man sich setzt, immer wieder die Möglichkeit hat, zum gegenwärtigen Augenblick zu kommen und sich in Achtsamkeit zu üben. Mit Hilfe von Achtsamkeit ist es nicht nur möglich besser mit innerer Unruhe, Stress und Hektik im Alltag umzugehen, sondern auch Schmerzen bekommen einen anderen Stellenwert oder besser, der reaktive Umgang mit Schmerzen ändert sich. Und damit auch das Schmerzempfinden und der Stellenwert, den ich, gerade in Schwangerschaft, Schmerzen zu kommen lasse.

Ich habe das Buch von Nancy Bardacke recht schnell durchgelesen und schnell einige Übungen für mich gefunden, die ich direkt umsetzen konnte. Es sei hier angemerkt, das erste Mal ganz bewusst zu meditieren ist tatsächlich anstrengend. Wer ernsthaft meditieren möchte, sollte sich darüber im Klaren sein, dass Musik hierzu nur bedingt hilfreich ist. Warum? Weil es darum geht, seinen Geist und die Gedanken und Gesichten die er spinnt, wahrzunehmen und zu akzeptieren. Musik beschäftigt unseren Geist jedoch nebenher und stellt somit eine Ablenkung dar. Bei den oben genannten Visualisierungen ist Musik wiederum hilfreich. Hierbei ist es jedoch gewünscht, dass der Geist sich in eine bestimmte Richtung wendet. Somit sind Meditationen, die mit Visualisierungen arbeiten, für den Anfang wesentlich leichter. Als Schwangere ist es nicht unbedingt leicht im Sitzen zu meditieren, deswegen ist es auch hier auch möglich die Meditation im Liegen durch zu führen. Man sollte allerdings darauf achten, dass es nicht zu bequem wird, sonst besteht die Gefahr einzuschlafen. Es spricht zwar nichts dagegen bei nächtlichen Schlafstörungen, gerade im Verlauf der Schwangerschaft, die ein oder andere Übung zum Einschlafen zu verwenden, doch grundsätzlich ist dies nicht der Grundgedanke der Meditation. Für mich kam als für den Einstieg die Atemmeditation, eigentlich eine Sitzmeditation, in Frage. Zu diesem Zeitpunkt war ich etwa in der 18. Woche schwanger und habe, weil das Sitzen nicht so besonder bequem war, meine Meditation im Liegen begonnen. Grundsätzlich verfolgt die Atemmeditation eine ganz simple Anweisung: Eine Stelle finden, wo ich den Atem spüren kann (z.B. im Bauch oder der Brustkorb, der sich beim Atmen hebt und senkt oder an der Nase). Mich auf den fliessenden Atem konzentrieren. Gedanken, die aufsteigen wahrnehmen, jedoch ziehen lassen und zum Atem zurück kehren. Klingt total logisch und simpel. Worauf ich nicht gefasst war, war der Lärm in meinem Kopf. Was einem da so alles durch den Kopf schießt und zu welchen Geschichten der eigene Geist fähig ist. Und wie schnell man sich verleiten lässt, diesen Gedanken in die Abgründe des „Was wäre wenn?“ zu folgen. Da den Punkt zu finden, sich selbst zu bremsen, zu seinem Atem wieder bewusst wahr zu nehmen und seinem Geist zu sagen „Ich weiss es nicht.“, innerlich diesen Schritt zurück zu machen und Abstand zu den eigenen Gedanken zu bekommen. Diese Gedanken zu betrachten, ohne sie zu bewerten – einfach zu akzeptieren, dass sie da sind. Und sie dann einfach weiter ziehen lassen. Hier nicht gleich zu verzweifeln, das Vorhaben über den Haufen zu werfen und zu denken „Das schaffe ich sowieso nicht!“, das war nicht leicht. Trotzdem, mein Bedürfnis nach innerem Frieden war größer und ich übte weiter. Ich begann mehr informale Übungen in meinen Alltag einzubauen. Und irgendwann war der Punkt da. Auf einmal war es möglich meine Gedanken einfach ziehen zu lassen. Und erste Veränderungen zeigten sich für mich in meinem Alltag. Durch die Hormone war ich natürlich wesentlich reizbarer als sonst und, schon immer eine kleine Zicke, ging ich gern wegen Kleinigkeiten an die Decke. Auch stresste ich mich immer wieder damit To-Do-Listen zu verfassen und alles durch zu organisieren, damit auch ja alles fertig ist, wenn unser Baby kommt. Schrittweise wurde ich ruhiger. Es war nicht mehr alles ganz so schlimm, nicht ganz so ärgerlich. Es war nicht mehr so wichtig, dass ich wahrscheinlich nicht alles fertig haben würde, wenn es soweit ist. Ich begann es eher als Plus anzusehen, dass wir schon soviel geschafft hatten. Und das, obwohl wir weitestgehend ohne Hilfe da stehen und ich als Schwangere nun mal keine Möbel umräumen kann.

Mittlerweile bin ich in der 26. Woche. Im Gegensatz zu anderen Schwangeren aus meinem Bekanntenkreis, die immer mehr Beschwerden bekommen, geht es mir soweit gut. Klar mir tut auch die Hüfte vom dauernden auf der Seite schlafen weh. Ich habe phasenweise Wasser in den Händen und muss seit 4 Wochen Stützstrümpfe tragen. Mir tut nach Spaziergängen der Rücken weh, öfter mal die Knie und auch der Ischias zwinkt immer wieder mal. Doch ich schenke diesen Schmerzen nicht zuviel Aufmerksamkeit. Im Gegensatz zu meinen Bekannten, die unendlich unter den Schmerzen in der Schwangerschaft leiden und denen teilweise auch mit Hilfsmitteln keine Abhilfe zu schaffen ist, bin ich weiterhin voller Energie. Ich habe die Schmerzen akzeptiert. Es bedeutet nicht, dass ich nicht sorgsam auf meinen Körper achte. Eher sind die Schmerzen für mich kein Weltuntergang. Ich bewege mich weiterhin in einem Maße, das mir gut tut (denn nur auf der Couch liegen macht es für mich nicht besser). Ich höre während meiner Meditationen in mich hinein, erkenne die Schmerzen, betrachte sie und nehme sie an. Mit Hilfe bestimmter Atemübungen aus den Meditationen ist es möglich, den Schmerz, ähnlich wie das Palaver im Kopf, zu akzeptieren. Ich kann meine Schwangerschaft bewusst erleben, sie geniessen, auch mit Wehwehchen und gelegentlichen hormonellen Ausbrüchen. Es ist alles kein Weltuntergang. Es hat seinen Platz in meinem Leben. Und es ist gut, dass es so ist.

(08.03.2015, auf meinachtsamesleben.blogspot.com)

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