#Letstalkabout – Einschlafbegleitung

Frau Düse von Wunschkindwege und Nadine von Zwischen Windeln und Wahnsinn haben eine Bloggeraktion ins Leben berufen, in der es jeden Monat ein neues Thema zu diskutieren gibt. Als Startthema haben sie sich die Einschlafbegleitung ausgesucht. Düses Beitrag findet Ihr hier, Nadines Beitrag hier.

Heute ist Tag der deutschen Einheit. Ich habe gerade meine Gewitterhexe zu Bett gebracht. Mein Mann ist auf dem Weg zur Nachtschicht. Der perfekte Zeitpunkt um ein ewig über das Thema zu reflektieren.

Schlafen – ein Thema der Gesellschaft

Mir ist es schon so oft aufgefallen, dass Thema Schlafen und Schlafgewohnheiten in unserer Gesellschaft unglaublich dominant sind. Es ist eine der ersten Fragen, die man als Mutter gestellt bekommt: Wie schläft es denn so? Großeltern, Verwandschaft, Freunde und selbst der Kinderarzt mischen sich in das Thema ein. Für mich ist diese Fragerei schon fast übergriffig, denn letztendlich ist Schlaf nichts, was wir von aussen beeinflussen können und schon gar nicht versuchen sollen. Grundsätzlich hielt ich mich bei Aussagen zum Thema Schlafen, sowohl was die Länge als auch den Ort betraf, sehr wage in den Aussagen. Ausser bei denen, wo ich wusste, dass es zumindest respektiert wird, wie wir es handhaben. (So halte ich es mit allen „Streitthemen“, wie Stillen, Zähne putzen, Essgewohnheiten (einzig bei absichtlich rücksichtslosem/respektlosem Verhalten kann ich den Mund nicht halten).) Auch in Ratgebern wird das Thema gern ausgewalzt und es kursieren massig Videos und Memes im Netz über Eltern, die sich aus den Zimmern ihrer Kinder schleichen, weil diese gerade eben eingeschlafen sind. Es gibt ja so viel anderes wichtiges zu tun.

Schlafen – damals und heute

Mit „damals“ meine ich weder annodazumal, noch möchte ich Familie Homo Sapiens behelligen. Ich meine tatsächlich meine eigene Kindheit. Mit 36 Lenzen darf man da dann auch schon mal damals sagen.
Einschlafbegleitung kenne ich nicht. Ebenso wenig den respektvollen Umgang mit einem Kind. Ich bin in der DDR geboren. Meine Mutter und ich wohnten in einem Dorf, mein Vater tat so etwas ähnliches wie studieren (nur, dass niemand in der DDR Theologie tatsächlich an einer Universität studieren konnte). Abends wurde ich ins Bett gesteckt, mit Glück gab es eine Gute-Nacht-Geschichte. Dann Licht aus und Tür zu. Mein Zimmer war ein Durchgangszimmer, meine Mutter schlief im Wohnzimmer auf der Couch. Unter anderem auch deswegen, weil sie sehr früh aufstand. Ich wurde weit vor offizieller Öffnungszeit in der Krippe und auch im Kindergarten abgegeben, weil meine Mutter in der Früh den ersten Bus in die Stadt nahm, um zur Arbeit zu kommen. Wenn ich mich richtig erinnere, stand sie meistens um 5 Uhr auf (allein schon, um wenigstens ein Zimmer im Haus anzuheizen, so dass wir nicht im kalten frühstücken mussten).

Zur Einschlafbegleitung gehört für mich auch das Begleiten in den Mittagsschlaf, so das Kind noch mittags schläft. Ich schlief bereits im Altern von 2 Jahren mittags nicht mehr. Allerdings gab es damals noch Zwangsmittagsschlaf für alle. In der Krippe wurden wir in Gitterbetten gelegt und wurden uns selbst überlassen. Ich erinnere mich, dass ich versuchte durch am Bett kratzen auf mich aufmerksam zu machen, weil mir so elendig langweilig und ich entweder nicht müde war oder nicht in den Schlaf finden konnte. Mir würde dafür die Decke ein Stück übers Gesicht gezogen, damit ich nichts mehr sehe und so einschlafe. Funktionierte nicht, ich erinnere mich dunkel an ein ziemliches Theater deswegen. Auch im Kindergarten gab es noch Zwangsschlafen (ebenso wie diverse andere Zwänge, wie Mittags aufessen müssen, notfalls mit Gewalt). Alle mussten sich hinlegen und wehe, man hatte die Augen offen oder regte sich. Ja, ich musste mich damals tatsächlich zwei Stunden schlafend stellen. Ich war die letzte, die abgeholt wurde, kurz vor der offiziellen Schließzeit. Dann ging es nach Hause, Abendessen, eventuell Baden, meistens eher kalte Katzenwäsche, denn der Badeofen brauchte oft lange um heiß werden. Und abends lag ich dann in meinem Bett, schaute die Wand an und versuchte irgendwie in den Schlaf zu finden. Bei mir war nie jemand, weder in der Betreuung, noch zuhause. Natürlich kann ich als erwachsener Mensch und Mutter auf einer rationalen Ebene verstehen, dass meine Mutter sicher erschöpft war vom Tag und dann ja noch Haushalt (und Tiere füttern, wir hatten damals Schafe, einen Kater und einen Hund) anstand. Emotional komme ich da nicht auf einen grünen Zweig. Nicht zuletzt deswegen: Meine Schwester schlief im Zimmer meiner Eltern in ihrem Bett, hatte bald raus wie die Schlupfsprossen heraus zu nehmen waren und kletterte dann einfach in das Bett meiner Eltern. Hätte ich mich nie gewagt (hätte vermutlich auch nur Ärger gegeben, genauso, wie ich angebrüllt wurde, weil ich früh wach war und LEISE in meinem Zimmer gespielt habe, am anderen Ende des Flures).

(Manchmal denke ich, dass das mit ein Grund ist, warum ich tendenziell selbst nicht durchschlafen kann. In guten Zeiten stört es mich nicht. Aktuell, wo es mir selbst nicht gut geht, stört es enorm und macht die Situation nicht besser.)

Und heute? Meine Gewitterhexe ist jetzt knapp 28 Monate. Wir hatten uns damals alles anders vor-, aber schnell auf unsere und ihre Bedürfnisse eingestellt. Sie wollte bei einem von uns auf dem Bauch schlafen, war uns ganz lieb so im Schatten von Sauerstoffmonitor und Co. von der Intensivstation. Danach wollte sie zwischen uns liegen. Kein Thema, eh praktischer beim nächtlichen Stillen. Muss ich aufstehen bin ich nämlich erstmal richtig wach. Einschlafstillen gab es bis sie etwa 18 Monate war, dann hatte sie eine sehr starke Papa-Phase und ließ sich ab dann auch von mir ohne Brust ins Bett bringen (komplett abgestillt hatten wir dann etwa 4 Monate später). Wir begleiten sie nach wie vor in den Schlaf. Wenn mein Mann zuhause ist, dann möchte sie bevorzugt von ihm zubett gebracht werden. Ansonsten „darf“ ich. Wir machen im Grunde beide das gleiche. Wir legen uns zu ihr, sprechen über den Tag, sprechen über den nächsten Tag, sagen allen Gute Nacht. Wenn sie kuscheln will, darf sie das natürlich. Manchmal möchte sie das aber nicht und rutscht etwas weg. Auch das akzeptieren wir, dann sind wir einfach nur da oder streicheln Bauch oder Rücken (da kommen mittlerweile konkrete Ansagen, was gewünscht ist). Wir haben keine großen Rituale. Bin ich kein Fan von, es gab bisher auch nichts, wo sie signalisiert hätte, dass sie es beibehalten will. Wir bereiten auch nicht groß das Zubettgehen vor, da wir sie eh erst dann fertig machen, wenn sie auch sagt, dass sie ins Bett will. Was grob der Zeitrahmen zwischen 18 und 19 Uhr ist. Mittags haben wir sie ebenfalls immer in den Schlaf begleitet, die Zeit haben wir gern selbst zum Ausruhen genutzt. Allerdings schläft sie zuhause mittags nicht mehr. Bei der Tagesmutter schläft sie noch, wenn auch nicht besonders lange. Diese versucht allerdings auch nicht ewig, sie hinzulegen. Allerdings ist es dann eben doch noch was anderes und mit anderen Kindern toben und zusammen schlafen, eben auch was anderes als daheim. Jedenfalls wird da kein Kind allein gelassen, sie legt sie alle einzeln, nacheinander hin, ist da, während sie einschlafen. Wie es in der Krippe gehandhabt wurde, weiss ich nicht, ich denke, dass sich zumindest vor dem Personalwechsel gut und einfühlsam gekümmert wurde.

Schlafen – ein Ausblick

Wir haben noch unser Familienbett, die Gewitterhexe braucht zur Zeit sehr viel Nähe und möchte gern direkt im „großen Bett“ schlafen gehen. Darf sie. Ich mache mir auch keinen Stress, weil sie ja schon „so weit war“ die erste Hälfte der Nacht in ihrem Zimmer zu schlafen. Das wird auch wieder kommen. Mir ist ein halbwegs angenehmer Schlaf für uns alle wichtiger, als irgendwelche Räumlichkeiten. Begleiten werden wir sie, so lange sie es braucht und wünscht. Gerade ist sie in einer Phase, in der sie oft nochmal betont, dass einer von uns etwas bestimmtes machen oder mitkommen soll. Obwohl das eigentlich klar ist. Sie rückversichert sich viel. Das ist in Ordnung, die Sicherheit bekommt sie. Denn, Einschlafbegleitung ist nicht nur das Pflichtprogramm, dass man durchzieht, bis das Kind endlich halbwegs schläft und man sich raus schleichen kann. Es vermittelt dem Kind unglaublich viel. Es zeigt ihm, dass es in Sicherheit ist. Es zeigt ihm, dass es geliebt wird. Es zeigt ihm, dass da Wärme ist, physisch und im Herzen. Es darf sich selbst als geschätzter und geliebter Mensch erfahren. Dabei ist es freilich unerheblich wie lange es dauert, bis das Kind schläft, wenn es mit diesem sicheren, warmen Gefühl einschlafen kann.

Vor dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrungen ist es mir wichtig, dass die Gewitterhexe sich zuhause sicher und geborgen fühlt, dass sie weiss, dass hier immer ein Platz für sie ist. Für mich ist Einschlafbegleitung ein ganz wichtiger Baustein dabei, ihr genau dieses zu vermitteln.

 

Comments

  1. Vielen Dank für Deinen sehr intimen Einblick, der Artikel hat trotz dass ich das ein oder andere Mal schlucken musste, wirklich Spass gemacht, zu lesen.
    Heftig, was Du für Erfahrungen machen musstest.
    Deine doch sehr genauen Schilderungen lassen ja erahnen, wie tief dass sitzt.
    Und toll, dass ihr es bei eurer Maus anders macht und ihr intuitiv und ohne Druck auf ihre Bedürfnisse eingeht.
    Warum war sie denn auf der Intensiv?
    War sie ein Frühchen?

    1. Danke für Deine Worte. Mir war irgendwie sowieso schon die ganze Zeit danach, etwas dazu zu schreiben. Irgendwie passte Euer Thema da richtig dazu. Wir müssen ja alle Bedürfnisse unter einen Hut bringen und manchmal muss man dann halt priorisieren.
      Sie war auf Intensiv, weil sie eine Mangelgeburt war, die Sättigung immer wieder abfiel und ein Muskelzittern hatte, wenn sie geweint hat, was sie abklären wollten.

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