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Konsequenzen, Lob und Strafe – und warum es nie den Erfolg hat, den wir uns wünschen

Je näher der erste Geburtstag der kleinen Dame rückt und je größer die Schritte in ihrer Entwicklung werden, umso mehr denke ich darüber nach, wie es dann wird, wenn sie kein Säugling mehr ist. Wenn sie dann langsam ins Kleinkindalter hinein wächst. Wenn sie sprechen lernt, beginnt sich selbst und ihre Bedürfnisse zu erkenn und zu definieren. Wenn das sogenannte Trotzalter, oder besser, die Autonomiephase, beginnt. Man liest ja schon so einiges. Von Grenzen setzen. Vom entdecken des eigenen Willens. Vom Austesten von elterlichen Grenzen. Davon, dass unbedingt feste Strukturen sein müssen. Dass man unbedingt konsequent sein muss, als Eltern das Zepter fest in der Hand haben muss. Nur wenige Stimmen gibt es, die anmerken, dass Machtkämpfe mit Kindern sinnlos sind, es dabei nur zwei Verlierer geben kann. Dass Kinder die Welt intensiver erleben, ihre Gefühle erst einmal kennen und verstehen lernen müssen.
Ich sehe die kleine Dame an, wenn sie nörgelnde angekrabbelt kommt und den Kopf zwischen ihren Händen auf mein Bein legt (ich sitze immer bei ihr am Boden). Irgendwas hat wohl nicht so geklappt, wie sie wollte, soweit habe ich diese neue Geste schon verstanden. Ich nehme sie in den Arm, frage sie, was los ist. Sie kann zwar noch nicht mit Worten antworten, dennoch ist es mir wichtig, mit ihr normal zu sprechen. Anhand des Tonfalls und den immer gleichen Worten versteht sie die Botschaft auch jetzt schon und weiss, dass sie ernst genommen wird. Sie spielt ein wenig mit dem Anhänger meiner Kette, dann lächelt sie. Alles ist wieder gut und sie will weiter spielen. Ich lasse sie wieder auf den Boden und denke weiter nach. Den Willen entdecken erst beim Eintritt ins Klein(st)kindalter? Das ergibt irgendwie keinen Sinn für mich. Ohne Willen, kann man nichts wollen. Ohne Wollen, kann man nicht lernen, denn der Antrieb fehlt. Wenn ich das Spielzeug nicht haben will, fange ich nicht an mich zu drehen. Wenn es mir egal ist, wo Mama und Papa sind, dann werde ich nicht mobil um sie zu suchen oder lerne nicht sprechen, um sie zu rufen. Oder nicht? Und dass sie einen Willen haben, spürt man spätestens, wenn es daran geht mobil zu werden. Wenn sie schon mehr wollen, als sie können, dann drehen, robben, krabbeln, laufen, dafür müssen kleine Einzelschritte gemeistert werden, das geht nicht einfach sofort. In dieser Zeit machen sie schon sehr deutlich bemerkbar, dass es nicht so läuft, wie sie wollen. Der Wille ist ohnehin für mich die Antriebskraft im Leben, zum Vorankommen, zum Lernen. Das kann es also nicht sein.

Mir kommen Bedürfnisse in den Sinn. Auch diese hat ein Baby von Geburt an, allerdings ist im Säuglingsalter noch alles gleich wichtig: Hunger, Durst, nasse Windeln und Sicherheit (durch Nähe). Doch gibt es noch keine Prioriäten, alle Bedürfnisse sind gleich wichtig und dringend, wenn sie auftreten. Um den ersten Geburtstag herum lernen sie allerdings offenbar, dass Bedürfnisse unterschiedlich wichtig für sie sind. Und das ist dann offenbar, wenn ich hier von der kleinen Dame ausgehe, jeden Tag anders. Eben je nachdem, wie aktiv sie war und was es neues gab. Was später noch dazu kommt, meist auch um den ersten Geburtstag herum, sind Gefühle. Die Bedürfnisse werden mit Gefühlen verbunden, ganz unterschiedlichen Gefühlen, die erstmal ergründet und verstanden werden müssen. Und auch alles andere, was erlebt wird im Alltag und besonders alles Aussergewöhnliche, bringt neue Gefühlserfahrungen mit sich. Ausserdem wird dem Kind auch bewusst, dass seine Eltern, andere Kinder und Erwachsene, Tiere eigene Bedürfnisse haben und diese mit ihren eigenen kollidieren können. Was wiederum neue Erfahrungen mit sich bringt. Das alles kann so einen kleinen Menschen sehr überfordern.

Nun, mit diesen Gedanken komme ich zu dem Schluss, dass die Grenzen, die gesucht werden, wohl weniger Grenzen im Sinne von „Wie gehe ich meinen Eltern am besten auf die Nerven?“ oder „Wie weit kann ich gehen bis meine Eltern ausrasten/machen was ich will?“ Nein, ich denke, es sind die eigenen Grenzen die gesucht werden. Wo höre ich auf und wo beginnt ein anderer Mensch? Ein Klein(st)kind löst sich gerade aus der Symbiose mit seiner Mutter, es erfährt sich selbst und seinen Körper auf einmal vollkommen anders. Es sucht sicher auch die Grenzen der eigenen Bedürfnisse und die anderer, erforscht eigene und andere Prioritäten. Es lernt, dass Bedürfnisse seinem eigenen widersprechen können und es lernt, wie hier Kompromisse gefunden werden können. Eine immense geistige Leistung, die so eine kleine Menschenseele unglaublich belasten und überfordern muss, so dass es hier nicht den gesellschaftlichen Normen entsprechend reagiert, sondern so, wie sein Gefühl in diesem Moment ist. Die vielgerühmten Konsequenzen gehen jedoch davon aus, dass das Kind mit Absicht so reagiert, wie es reagiert. Dass es seine Eltern ganz bewusst und gezielt ärgern möchte. Das mag bei einem älteren Kind passen, jedoch nicht bei einem Kind, dessen Alltag aus Lernen, Verarbeiten und Verstehen besteht. Wenn ich also bei einem Kind, dass gerade überfordert ist und „ausrastet“ oder „bockig“ ist, konsequent reagiere, was sage ich ihm dann? Zeige ich ihm dann nicht, dass ich es nicht ernst nehme? Unterstelle ich ihm nicht etwas, was es (noch) gar nicht kann? Und, noch weiter gedacht, verletze ich es nicht noch zusätzlich zu dem, was es gerade empfindet? Diese Konsequenzen, die ich mir als Elternteil erdenke, sind sie denn für das Kind überhaupt nachvollziehbar? Versteht es, dass ich möchte, dass es aufräumt, weil es MICH stört und ICH meine, die Wohnung muss aussehen wie in einem Katalog? Versteht es, dass ich es deswegen dafür bestrafe, dass meine Ansichten nicht zu seinem Erleben passen? Oder versteht es, dass ich finde, dass Essen rein funktionell ist und nicht erforscht werden darf? Ich halte es für sehr unwahrscheinlich.

Sollte konsequent sein dann nicht eher heissen, (gesellschaftliche) Regeln vorleben, anstatt zu diktieren (und in diesem Zusammenhang Regeln auch einfach mal hinterfragen)? Konsequent ernst nehmen, Gefühle benennen und beim Umgang damit helfen? Konsequent an die Hand nehmen, begleiten, anstatt hinterher zu zerren, ohne Rücksicht auf das Kindertempo? Flexibel sein, auf Befindlichkeiten eingehen können (und wollen)?

 

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