Etwas ist im Busch

Ich weiss zwar noch nicht was, aber irgendwas geht vor in der Minirübe. Das Gewitterhexlein ist momentan immer mal wieder genau das: eine kleine Hexe. Es gibt Gebrüll wegen Kleinigkeiten, z.B. weil die Wasserflasche im Bett umgekippt ist. Man könnte sie natürlich einfach aufheben. Nein, das geht nicht, weil dann muss man sitzen und kann nicht auf allen Vieren trinken (seit Wochen absolut in). Man wird nicht in den Entdeckerturm gehoben, auch das wird gern mit Gebrüll quittiert. Dabei kommt sie problemlos selbst rauf. Ganz eindeutig, da ist was im Gange und nimmt Ressourcen weg. Selbiges in der Kommunikation, für mich immer ein ganz eindeutiges Zeichen. Wenn das Hexlein etwas nicht kommuniziert, was es kommunizieren kann, sondern lieber weint (bzw. wirklich laut wird), dann weiss ich, da geht was vor im Kopf.

Es wird auch viel ausprobiert. Oft gern als „Grenzen austesten“ beschrieben. Ich sehe das eher als Test Aktion – Reaktion. Wenn ich Mamas Schaumkelle runter werfe, was passiert dann a) mit der Kelle und b) wie reagiert Mama? Und ist das nach dem vierten Versuch immer noch so? Oder ich nehme mir was vom gewürfelten Paprika, esse es aber nicht (was ich darf), sondern lutsche darauf herum und spucke es aus. Was passiert dann mit den Stückchen? Und was macht Mama? – Ich finde zwar schön, dass sie helfen will, alles sehen und mitmachen will, aber die Küche ist kein Spielplatz. Auf Herd und Kind gleichzeitig achten geht nicht. Nach dem 4. Mal Schaumkelle am Boden und ausgespucktem Paprika musste das Gewitterhexlein zum Papa ins Wohnzimmer und dort bleiben, bis alles im Topf war. Ich habe sie natürlich nicht einfach rausgeworfen, sondern ihr erklärt, warum. Dass die Küche nicht zum Spielen ist, dass man sich dort weh tun kann und ich aufpassen muss. Schien einen Tag später gefruchtet zu haben, als ich Salat machen wollte, wurde nämlich nichts runter geworfen und was sie sich gemopst hat, tatsächlich gegessen ( zu den Stücken, die sie ohnehin zum Naschen bekommen hat, was wäre Kochen ohne zu naschen?)

Richtig, richtig anstrengend sind aktuell vor allem zwei Dinge: „Hauen“ mit Gegenständen in der Hand. Zum Beispiel das Feuerwehrauto an der Leiter festhalten und den Arm Richtung Mama schwingen. Da sie meistens direkt neben mir sitzt oder steht, landete selbiges in meinem Gesicht. Zum Glück war da nicht wirklich viel Schwung hinter. Ich weiss, dass sie das nicht macht, um mir weh zu tun. Es ist austesten. Dennoch ist eine Verletzungsgefahr da. Ich habe ihr nach dieser Aktion direkt gesagt, dass das weh tut. Dass sie das so nicht machen darf, weil es mich verletzt. Dann habe ich das Feuerwehrauto genommen und zur Seite gestellt. Nicht versteckt, weg gesperrt und auch nicht geschimpft. Einfach nur beiseite gestellt, so dass sie sich das Auto holen kann, wenn sie wieder damit spielen möchte. Es blieb bei diesem einen Mal, auch wenn sie später wieder damit gespielt hat. Allerdings müssen wir das offenbar mit jedem einzelnen Spielzeug einmal durchmachen. Klar, könnte ja was anderes sein, wenn es etwas anderes ist. Es ist eben ausprobieren, doch auch dabei gelten die gleichen Gesetze, wie auch in der Küche: In dem Moment, wo sie sich oder jemand anderem weh tut, ist erstmal Pause. Funktioniert soweit gut. Was dazu sehr anstrengend ist, ist absichtlich Essen fallen lassen. Sie kann mittlerweile, auch mit Löffel, so essen, dass die Küche danach nicht einem Schlachtfeld gleicht. Sie sortiert zwar gern auf dem Tisch alles auseinander, aber das stört mich nicht, weil sie es dann meistens irgendwann noch isst. Wenn sie allerdings so langsam satt wird, probiert sie aus, was passiert, wenn sie etwas runter werfen will. Das ist kein probieren a la mal sehen, ob mein Essen fliegen kann, sondern sie schaut einen direkt an und bewegt den Arm zur Seite. Oder sich versucht es total unauffällig, indem sie sich ganz langsam bewegt. Wir bekommen es trotzdem mit. Erst ließ sie das Essen, meist einem sehr bestimmten „Ich mach das jetzt aber trotzdem“ Ausdruck im Gesicht, fallen. Wir haben uns sehr früh angewöhnt über „herunterfallendes“ Essen nicht zu schimpfen. Es blieb dann halt einfach unten liegen. Wir haben sie nur jedes Mal gebeten, wenn sie etwas nicht mag, es auf dem Teller oder Tisch liegen zu lassen. Es bringt ja nichts, sich darüber aufzuregen, in den frühen Phasen des Essen  lernens, wäre das mehr Stress und Essen kein Spaß. Wenn wir es also mitbekommen und sie bitten, es wieder den Tisch zu legen, dann tut sie es oft. Manchmal aber eben auch nicht. Warum das nervig ist? Weil ich weiss, dass es wirklich pure Absicht ist. Um zu sehen, ob sich etwas in unserer Reaktion ändert. Und das ist schon anstrengend. Es scheint eine Art Permanenztest zu sehen, eine Kontrolle, ob die Reaktion „echt“ ist, ob wir wirklich immer so reagieren, wie wir es tun.

Wenn ich so darüber nachdenke und vor allem auch darüber, wie diese Phasen oft in der Elternwelt wahrgenommen werden, dann scheint es mir vor allem eine Suche nach Kontuität, nach Sicherheit und Authentizität zu sein. Kein Grenzen austesten, kein Ich will meine Eltern jetzt aber ärgern. Ich denke soweit geht bei so kleinen Kindern der Gedankengang noch gar nicht (später mag das sicher anders sein). So wie beim Kennen lernen der Schwerkraft alles noch unten geworfen wird, um zu lernen, wenn ich etwas fallen lassen, fällt es auf den Boden und bleibt da, so testet das Kind, ob die Reaktion auch beim x-ten Mal die gleiche ist. Ob es sich darauf verlassen kann, dass wir Eltern immer gleich reagieren. Denn wenn wir das tun, dann weiss es, dass es sich auch in anderen Situationen darauf verlassen kann, dass wir zuverlässig reagieren. Es weiss, dass wir aufpassen, wenn Gefahr droht (siehe Küche) oder uns und andere (und auch es selbst) vor Schaden bewahren. Mit inflationärem Schimpfen oder gar Anschreien würde man hier gar nichts erreichen. Mit Ignorieren oder Bestrafen auch nichts.

Ja, es ist schwer und ja, beim hundersten Mal verdrehe auch ich, bei aller Achtsamkeit und allem nicht Urteilen wollen, die Augen (und das nicht immer nur innerlich). Dennoch habe ich schnell bemerkt, dass Genervtheit einfach nichts bringt. Bestimmtheit, keine Dominanz, die zeigt „Ich weiss, was ich hier tue, Du kannst sicher sein, dass ich nichts tun/sagen würde, was Dir schadet“, bringt einiges mehr. Und wenn uns doch mal die Stimme ausrutscht, wir wirklich laut werden, genervt sind oder einfach so vollkommen überrascht davon, dass auf einmal ein Spielzeugauto im Gesicht landet, dann erklären wir das genauso. Ich sage meinem Hexlein dann, das dann nicht selten schuldbewusst den Kopf senkt und kurz davor ist zu weinen, dass ich weiss, dass sie es nicht böse meint. Dass sie nicht weh tun wollte. Dass ich damit nicht gerechnet habe, dass mir das eben weh tut. Ich nehme sie dabei in den Arm, so dass sie auch fühlt, dass ich ernst meine, was sich sage. Dann ist auch diese Situation schnell geklärt. Mein Mann macht es übrigens genauso, unabgesprochen.

Und nun bleibt mir nur noch abzuwarten, welche Fertigkeit das Gewitterhexlein jetzt entwickelt. Vielleicht den letzten Knackpunkt zum Laufen (ich mag mir das auf den Knien laufen echt nicht mehr ansehen, das muss doch weh tun). Oder doch Sprechen? Oder noch etwas ganz anderes, womit wir gar nicht rechnen. Wir werden sehen.

(Nach Oje, ich wachse dürfte sie übrigens gerade gar nicht einem Entwicklungsschub sein. Aus dem einen sollte sie raus und im nächsten noch gar nicht drinnen sein, weil sich die Hirnreife ja angeblich vom errechneten Geburtstermin abhängt. Haut bei uns nie hin. Es ist manchmal eher so, als würde sie sich alles so ein bisschen aufteilen mit immer wieder ruhigen Phasen dazwischen.)

 

Comments

    1. Hach die Geduld ist so eine Sache, die kann man ja nur auf die „harte“ Tour lernen. Ich weiss nicht, ich hab irgendwann angefangen alles als Herausforderung und nicht als Problem zu sehen. Das fing schon vor der Schwangerschaft an, hat sich da durch die Meditationsübungen noch verstärkt, denke ich. Ich war nie ein wirklich geduldiger Mensch und bin es bis heute nicht. Irgendwie krieg ich es in solchen Phasen trotzdem irgendwie hin (halbwegs 😉 ).

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