Die Sache mit der Ehrlichkeit

Ich hatte heute ein Vorstellungsgespräch. Für einen 450,- € Job. Also nichts großes. Einfach nur, damit etwas Geld in die Kasse kommt. Ich kann und will meinen Mann nicht alles stemmen lassen. Und damit ich wieder in so etwas wie Arbeit rein komme. Weil ich das früher oder später vermutlich muss, es sei denn, ich habe auf die Schnelle noch eine glorreiche Idee, mit der ich genug Geld zum Leben bekomme.

Ich habe mich etwas aufgehübscht oder besser, ich habe dafür gesorgt, dass die Augenringe nicht knietief aussehen (sie sind es trotzdem). Mich nett angezogen, ohne große Extravaganzen, man will ja einen guten Eindruck machen. Und dann, eine Stunde Gespräch. Für eine geringfügige Stelle. Klar, ich verstehe, dass man abchecken muss, ob der Lebenslauf so stimmt. Dennoch nervt es mich, dass ich jedes Mal ein Referat über mein Leben führen muss. Und damit bin ich gut und gerne mal 15 – 20 Minuten beschäftigt. Aber warum ist meine Ausbildung und was ich so gemacht habe, denn so interessant, wenn nur die letzten beiden Anstellungen thematisch mit der Stelle zu tun haben? Nein, man muss alles wissen. Neugierde, in meinen Augen grenzt es schon fast an Voyeurismus. Warum muss man alles bis ins kleinste Detail erfragen? Es reicht schon, dass man sich für sämtliche Ämter quasi nackt machen muss.

Und dann kommen sie, die überflüssigsten Fragen überhaupt. Ich finde sie schon in Vorstellungsgesprächen für Festanstellungen nervig und nichtssagend. Und bei einem 450,-€ Job mal so komplett unpassend:

Sie haben ja viele Wechsel, was können sie denn sagen, dass uns das Gefühl gibt, dass sie hier länger bleiben? Wir wollen ja längerfristig planen.  – Ehrliche Antwort: Keinen Schimmer? Ich weiss ja nicht, was sie hören wollen. Oder wie ich sie in Sicherheit wiegen kann. Oder ob ich sie überhaupt in eventuell falscher Sicherheit wiegen sollte. Tatsächliche Antwort: Wären die Anstellungen nicht jeweils befristet gewesen, dann wäre ich dort auch geblieben. Heutzutage gibt es jedoch kaum noch unbefristete Anstellungen.

Wo sehen sie sich denn in drei Jahren? – Ehrliche Antwort: Hm, das weiss ich nicht. Ich kann nicht in die Zukunft sehen. Ich weiss ja nicht mal, ob es in drei Jahren diese Stelle noch gibt. Tatsächliche Antwort: Schon in diesem Bereich, sonst hätte ich mich ja nicht beworben. Und gern auf lange Sicht und gern irgendwann Vollzeit (wenn die Betreuung geklärt ist).

Als ich dann wieder zuhause war, mich in meine gemütlichen Heimklamotten geschmissen und das Make up abgewaschen habe, stelle ich ein paar Dinge fest:

  • Ich fühle mich im Nachgang direkt eingesperrt. So wirklich kann ich mich in der Stelle nicht sehen. Auch in einer anderen Position nicht, egal ob geringfügig oder nicht. Wenn, dann würde ich es nur des Geldes wegen machen und nur so lange, bis sich eine andere Möglichkeit für mich sehe mich zu entwickeln und zu entfalten. Mich stören jetzt schon wieder diverse Konventionen.
  • Sollte ich jemals in die Verlegenheit kommen selbst Mitarbeiter anstellen zu dürfen, werde ich darauf achten so unsinnige Fragen nicht zu stellen. In einer Zeit, wie die, in der wir leben, kann man oft nicht mal davon ausgehen, dass in einem Jahr noch alles so ist, wie jetzt. Wieso also soweit voraus denken?
  • Mir wird mal wieder schmerzlich bewusst, warum in der Kindererziehung immer nach Grenzen und Konsequenzen, nach dem Anlernen von gesellschaftlichen Verhaltensweisen und Konventionen geschrien wird. Und warum es mir so widerstrebt.

Ganz ehrlich, wenn ich könnte, ich bliebe einfach noch weiter daheim und triebe weiter meine kleinen Projekte voran, bis irgendwann etwas fruchtet. Doch es geht nicht, denn man braucht Geld zum Leben oder besser, um Grundbedürfnisse zu stillen: Wohnung, Kleidung und Essen. Und das wird leider nicht günstiger.

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