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Das Metta Experiment – Tag 8

Tag 8

Übung 10: Das Gute sehen

Bevor wir uns der letzten Personengruppe, der wir metta senden wollen zuwenden können, müssen wir eine Art Vorübung machen. Denn es kann durchaus sehr schwer sein jemandem, mit dem man Streit hatte oder der einen verletzt hat, Liebende Güte zu senden. Daher versuchen wir zunächst in der gewählten Person (am besten jemand, mit dem wir keinen zu schlimmen Streit hatten, also nicht gleich mit der „schlimmsten“ Person in unserem Leben beginnen) etwas Gutes zu finden. Jetzt mag man gedanklich rebellieren und denken, dass es sich hierbei um eine Handlung von sehr oberflächlicher Natur handelt. Tatsächlich bewirkt diese Übung jedoch, dass wir ohne ein Gefühl der inneren Abwehr und Abneigung an diese Person denken können. Dadurch werden nicht die bestehenden Probleme kaschiert. Nur unser Blickwinkel auf diese Person ändert sich etwas.

Sollten wir an einer Person überhaupt nichts Gutes sehen (wollen), dann haben wir wiederum die Möglichkeit darauf zurück zu greifen, dass auch diese Person sich nach Glück sehnt. Denn alle Lebenwesen wollen glücklich sein, doch wissen sie meist nicht, wie sie es erlangen und verursachen aus dieser Unwissenheit heraus Leiden.

Ich habe mir eine Person ausgewählt, die mich zwar nicht direkt verletzt, aber ziemlich enttäuscht hat. Mit dieser Person umzugehen ist ohnehin nicht wirklich leicht, weil wir sehr gegensätzliche Charaktere und Lebenseinstellungen haben. Auch wenn ich grundsätzlich danach strebe jeden Tag den Menschen, die mir (wieder) begegnen, offen gegenüber zu treten, es war und ist nicht leicht. Also habe ich mich dieser Person gewidmet, habe versucht etwas positives zu finden, etwas Gutes in dieser Person zu finden. Es wollte mir nicht gelingen. Nun macht es keinen Sinn etwas erzwingen zu wollen und ich beschloss, mich auf den Wunsch der Person nach Glück zu konzentrieren.

Übung 10: Die schwierige Person

Da es logischerweise gerade als Meditationsanfänger schwierig ist, einer schwierigen Person metta zu senden, kann man sich dieser schrittweise nähern, indem man zunächst sich selbst, dann einer Person, die man mag und dann erst der schwierigen Person metta sendet. Denn die Übung soll ja kein Leid schaffen, allerdings kann sie welches aufdecken. Wenn wir also merken, dass es uns sehr schwer fällt jemandem Liebende Güte zukommen zu lassen, weil uns dieser Mensch tief verletzt hat, dann können wir ganz vorsichtig versuchen, dennoch metta zu senden. Ganz langsam und vorsichtig jede Sendung nachhallen lassen und dabei uns selbst mit viel Fürsorge und Liebe bedenken. Wir können auch, wenn es uns schwer fällt metta zu senden, der schwierigen Person und uns selbst zusammen Liebende Güte zukommen lassen. So beziehen wir die andere Person in unsere Fürsorge mit ein. Wenn es uns trotzdem immer noch sehr sehr schwer fällt einer solchen Person Liebende Güte zu senden, so können wir auch versuchen uns diesen Menschen beispielsweise als schutzloses Kind vorstellen oder auf dem Totenbett (hier sei jedoch zur Vorsicht gemahnt, nicht, dass sich eine Vorfreude darauf entwickelt).

Wir wählen für diese Übung die gleichen Sätze, wir für uns selbst, nur richten wir sie eben an diese andere Person.

Sollten während der Übung erneut Probleme in Form von Gefühlen wie Kummer, Trauer oder Wut, auftreten, gibt es noch ein paar kleinere Übungen, die uns helfen können, diese Gefühle zu überstehen:

  1. Wir stellen uns die Frage: „Wer leidet unter dieser Wut? Der Mensch, der mich verletzt hat, lebt sein Leben weiter (oder ist vielleicht schon verstorben), während ich hier sitze und von meiner Wut verfolgt, aufgefressen und eingeent werde. Aus Mitgefühl mit mir und um mein Herz zu erleichtern, möge ich diese Wut loslassen können.“
  2. Wir stellen das Leid der anderen Person in den Mittelpunkt, ohn dass wir ihr Handeln als schlecht oder falsch verurteilen. (Denn alle Wesen streben nach Glück und verursachen durch Unwissenheit Leiden.)

Wenn es uns wieder möglich ist, setzen wir die Aussendung Liebender Güte an die schwierige Person fort.

Es ist wichtig bei dieser Übung geduldig mit uns selbst zu sein und keine starren Erwartungen zu haben, was wir meinen erleben zu müssen. Diese Erwartungen lenken uns nur von der Fähigkeit ab uns zu freuen und schüren eher den Zorn in uns. Auch können wir uns dann schnell hilflos fühlen, wenn sich unser Erwartungen nicht erfüllen und den Eindruck gewinnen, unser Handeln sei ergebnislos und führe nirgendwo hin. Auf Grund dessen können wir wiederum in Verachtung oder Selbstverurteilung versinken. Deswegen ist es wichtig daran zu denken, dass Gefühle wie Zorn, Angst oder Kummer wieder vergehen und wir immer wieder die Möglichkeit haben zu unserer Absicht uns und alle Lebenwesen gern zu haben, zurück kehren können. Dieses immer wieder neu beginnen ist kein Problem, dass bewältigt werden muss, um irgendwann „wirklich“ meditieren zu können. Immer wieder von vorn zu beginnen ist die Meditation.

Es gibt zudem noch eine alternative Übung, mit der wir experimentieren können, wenn wir uns die Übung „Die schwierige Person“ noch nicht zutrauen oder sie uns nach dem Üben zu schwer erscheint. Oder weil wir uns mehr im Mitgefühl für uns selbst üben möchten. Dann können wir uns einer schwierigen Seite in uns selbst zuwenden. Das können seelische oder körperliche Eigenheiten sein, gegen die wir gekämpften haben, sie verleugnet und gemieden oder gegen die wir innerlich Krieg geführt haben. Wir beginnen damit uns selbst metta zu senden. Dann wenden wir uns dieser Seite, diesem wunden Punkt an uns selbst zu und hüllen ihn in mit Hilfe von metta in Wärme und Akzeptanz. Dafür können wir Sätze wie „Möge ich das akzeptieren.“, „Möge ich dies mit Liebender Güte erfüllen.“, „Möge ich den Schmerz dieser Erfahrung zum Wohle aller nutzen.“ verwenden oder was uns an gütigen Worten einfällt. Dazwischen richten wir immer wieder die gewählten Sätze der Liebenden Güte auf uns selbst.

Ich habe für diese Übung beschlossen metta an die von mir gewählte schwierige Person zu senden. Wie ich schon erwähnte, versuche ich generell jedem Menschen jederzeit offen gegenüber zu sein, weswegen in mir zumindest nicht übermäßig negative Gefühle in mir aufgestiegen sind. Was mir jedoch nach der Übung auffiel ist, dass das Gefühl von Enttäuschung, dass das Verhalten dieser Person in mir ausgelöst hat, geringer geworden ist. Es ist nicht weg und ich kann das Verhalten nach wie vor nicht verstehen. Doch ich konnte diese Enttäuschung ein Stück weit los lassen und das bedeutet mir sehr viel. Ich bin in meinem Leben schon sehr oft enttäuscht und verletzt worden und zu sehen oder besser zu spüren, dass ich diese Gefühle durchaus langfristig loslassen kann, tut mir sehr gut. Und es wird auf lange Sicht definitiv zu mehr Ruhe in meinen Gedanken und meiner Gefühlswelt führen.

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