Das Metta Experiment – Tag 7

So langsam geht es ans Eingemachte. Denn, um wirklich neu zu beginnen, um wirklich metta geben und empfangen zu können und zu erkennen, dass wir und jedes andere Wesen dieser Welt liebensert ist, müssen wir auch lernen mit Wut, Aggression und Aversionen umzugehen.

Übung 9: Vergeben

In diesem Kapitel beschreibt Sharon Salzberg die Wirkung von Hass und Aversion auf unser Leben und unsere Gefühlswelt anderen gegenüber. Um also die benötigte Wendung in unsere Gedankenwelt zu bringen, müssen wir lernen zu vergeben – und dies auch wirklich tun. Denn nur echte Vergebung lässt die Reinheit der Liebe erblühen. Es geht hierbei aber auch darum Mitgefühl für uns selbst zu entwickeln. Während der Meditation soll nichts erzwungen, keine Gefühle absichtlich hervorgerufen werden oder wir uns selbst hintenan stellen, weil wir die Bedürfnisse anderer mehr respektieren (wollen) als unsere eigenen.

Vergeben bedeutet jedoch nicht, dass Unheilsames gutgeheißen werden soll oder dass Unrecht und Leid geleugnet werden soll. Vergeben bedeutet ausserdem natürlich nicht, dass Gewalt und Missbrauch tatenlos zugesehen werden soll. Es geht darum Selbstvorwürfe und Groll loszulassen, denn diese Gefühle machen uns auf Dauer kaputt.

Da es sich beim Erlernen von der Fähigkeit zu vergeben um einen längeren Prozess handelt, kann es sein, dass während der Übung widersprüchliche Gefühle in einem aufsteigen können (z.B. Wut, Scham, Verwirrung oder Zweifel).

Zu Beginn der Meditation setzen wir uns bequem hin und schliessen die Augen. Der Atem kann weiterhin unbeeinflusst kommen und gehen. Begonnen wird mit diesen Sätzen, die man wiederum laut aussprechen oder in Gedanken sprechen kann: „Sollte ich jemanden verletzt oder gekränkt haben, bewusst oder unbewusst, erbitte ich seine Verzeihung.“ Falls hierbei Menschen oder Situationen vor dem geistigen Auge erscheinen, dann bitten wir um Vergebung: „Ich bitte Dich um Vergebung.“

Nach einiger Zeit können wir dazu übergehen, denen zu vergeben, die uns verletzt haben: „Sollte mich jemand verletzt oder gekränkt haben, bewusst oder unbewusst, vergebe ich ihm.“ Hier zu erwarten, dass ein Gefühl tiefer Liebe aufbraust, wäre jedoch weltfremd. Es geht um die Intention an sich und die Kraft, die allein diese bereits hat. Wir glauben daran, dass wir loslassen und neu beginnen können. Wir glauben daran und vertrauen darauf, dass das menschliche Herz sich ändern, dass es wachsen und lieben kann. Falls hier wiederum bestimmte Bilder oder Gedanken auftauchen, rezitieren wir: „Ich vergebe Dir.“

Am Ende wenden wir uns wieder uns selbst zu. Das heisst, wir vergeben uns selbst, wenn wir uns selbst verletzt oder nicht geliebt haben oder unsere eigenen Erwartungen nicht erfüllt haben. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um Selbstzweifel los zu lassen: „Wie immer ich mich selbst verletzt oder mir geschadet habe, bewusst oder unbewusst, ich vergebe mir selbst.“ Dieser Teil der Übung soll uns helfen, Mitgefühl für uns selbst zu entwickeln. Daher macht es auch Sinn, diesen Teil der Übung zum Teil der täglichen Meditationspraxis zu machen.

Vergebung ist auch in der christlichen Religion ein großes Wort. Im Grunde ist diese Religion auf Mitgefühl und Vergebung aufgebaut. Dennoch ist es meistens mehr eine Worthülse, als dass sie wirklich mit Taten gefüllt wird. Ich spreche hierbei nicht von christlichen Organisationen, sondern den normalen Gemeindemitgliedern. Aus meiner Erfahrung wird hier gern viel geredet, aber wenig getan. Und oft ist die Verankerung in materiellen Dingen hier recht stark, obwohl dieser Glaube sehr auf das Jenseits und Spiritualität ausgerichtet ist.

Da ich in einem christlichen Umfeld aufgewachsen bin, ist mir das Wort Vergebung also durchaus ein Begriff. Und auch hier geht es nicht nur um die Vergebung von Vergehen anderer, sondern auch, dass man sich selbst vergibt. Und doch…es wird nicht praktiziert. Es ist schon immer wieder verwunderlich.

Ich habe mich also dieser Übung zugewandt und habe versucht mich so weit wie möglich der Aufgabe zu öffnen. Ich habe alles mögliche erwartet, Gefühlsstürme, was auch immer. Passiert ist…nicht viel. Ich bin mir sicher, dass ich einige Menschen verletzt und vor den Kopf gestoßen habe und das durchaus auch bewusst getan habe. Ich sende also meinen Wunsch nach Vergebung aus, wirklich ernst und aus tiefster Seele. Ich rechne fast damit, dass mir zig Situationen einfallen, in denen ich jemand anderem Unrecht angetan habe. Doch meine Gedanken bleiben leer, mein Herz und meine Seele ruhig. Aber ich sende weiterhin meinen Wunsch aus, denn ich weiss, dass es wichtig ist, auch wenn ich nicht direkt eine Auswirkung spüre.

Dann wende ich denen zu, die mich verletzt haben. Auch hier habe ich einiges erlebt, bin nicht wenig verletzt und gekränkt worden. Zunächst tauchen schwache Bilder einiger Personen vor meinem geistigen Auge auf und ich rezitiere den oben genannten Satz. Mein Herz bleibt weiterhin ruhig. Kein Gefühlssturm, keine Aufregung oder Wut, kein bisschen Erregung. Ausser der Empfindung, dass ich diesen Personen wirklich vergeben will. Als ich am Morgen übe, tauchen nicht mal mehr Gedanken an bestimmte Personen auf.

Danach beginne ich mir selbst zu vergeben. Ich habe mich selbst oft nicht gut behandelt. Weder meinen Körper, noch meinen Geist. Ich war oft und viel von Selbstzweifeln geplagt. Habe mich selbst verletzt. Also vergebe ich mir selbst für diese Phasen.

Ich habe jedem dieser Übungsabschnitte etwa fünf Minuten gewidmet. Da ich diese Übung definitiv weiter in meine Meditationspraxis einbauen werde, werden diese Zeiträume sicher größer werden.

Am Ende bin ich ein wenig irritiert, dass ich trotz der aufwühlenden Thematik dieser Übung, innerlich so ruhig geblieben bin. Als hätte ich bereits eine gewisse Akzeptanz erreicht. Natürlich habe ich mich mit bestimmten Themen und Personen bereits auseinander gesetzt, andernfalls hätte ich diesen neuen Lebensabschnitt eine eigene Familie zu begründen, nicht beschreiten können. Vielleicht hat dies bereits einen gewissen Grundstein gelegt.

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