Achtsamkeit, Meditation, metta

Das Metta Experiment – Tag 4

Übung 4: Der Wohltäter

Metta ist natürlich nicht nur für uns selbst gut und uns selbst gedacht. Daher beschäftigt sich die nächste Übung mit dem nächsten Schritt der metta-Aussendung. Wir sende metta an jemaden, der uns etwas Gutes getan hat, für den wir Dankbarkeit empfinden. Dieser Mensch wird in den buddhistischen Schriften als Wohltäter bezeichnet. Dies ist hier wirklich im eigentlichen Sinne einer Wohltat zu verstehen – nämlich uneigennützig und auf das Wohlbefinden des anderen (in diesem Falle uns selbst) ausgerichtet. In der heutigen Zeit wird leider Wohltätigkeit oft mit einem gewissen Eigennutz, wie zum Beispiel mediale Aufmerksamkeit, verbunden.

Wir sollen uns für diese Übung also einen Menschen in unserem Leben suchen, der uns etwas uneigennützig Gutes getan hat. Wichtig ist dabei zu beachten, dass dies keine Person ist, zu der wir uns auch sexuell hingezogen fühlen. Denn es ist an diesem Punkt wichtig sexuelle Liebe von metta zu unterscheiden. Was heisst, dass der eigene Partner in diesem Falle, so sehr uns auch auf anderen Ebenen mit ihm verbunden fühlen, nicht in Frage kommt. Hier war damit zunächst ein Stolperstein für mich gelegt. Denn mein Mann ist gleichzeitig mein Seelenverwandter, Wohltäter und Unterstützer. Aber neben diesen tiefen Verbindungen auf nicht-sexueller Ebene, wir sind eben auch ein Liebespaar und auch sexuell miteinander verbunden. Ich musste also überlegen, wer als Wohltäter in Frage käme. Das war wirklich nicht leicht, denn ich kenne nur Gutes im Austausch für Gefälligkeiten oder als Gewissensberuhigung für andere. Nach einigem Überlegen fand ich dann doch noch jemanden. In diesem Fall zwei Personen, die jedoch zusammengehören, weswegen ich sie beide als einen Wohltäter für meine Meditation ansehe: meine Schwiegereltern. Das mag vielleicht für viele überraschend sein. Wer mag schon seine Schwiegereltern so wirklich gern? Ich empfinde sehr viel Dankbarkeit für sie, das sie mir und meinem Mann, trotz aller Differenzen, die Menschen so untereinander haben, schon sehr oft geholfen haben. Es macht für mich auch sehr viel aus, dass sie akzeptieren und respektieren, dass ich nur ungern telefoniere und daher nichts erzwingen. Sie haben dennoch natürlich Interesse an dem, was in meinem Leben geschieht. Sie respektieren meine Meinungen und die meines Mannes, auch wenn es ihnen sicher nicht immer leicht fällt und oft noch diese typische Elterneinstellung (Ich weiss es besser, ich bin älter, ich habe schon mehr erlebt und Du bist jung und kannst nur Fehler machen.) durch kommt. Trotzdem sind sie da, wenn wir sie brauchen. Sie haben uns seit wir zusammen sind unterstützt und mich ebenfalls so angenommen, wie ich bin. Was für mich eine sehr ungewohnte Erfahrung war und ist und ich immer noch damit zu kämpfen habe. Denn ich kenne es so nicht (aber das würde jetzt zu weit führen). Ich denke, es ist auch so klar geworden ist, warum meine Schwiegereltern perfekt für mich als Wohltäter für die Meditation passen.

Diese Meditation wird wiederum damit begonnen, über das Gute in einem selbst oder die Rechtmäßigkeit des eigenen Wunsches nach Glück nachgedacht wird. Anschliessend werden die gewählten metta Sätze wiederholt (in Gedanken oder ausgesprochen) und dem Selbst Freundschaft angetragen. Nach einiger Zeit, Sharon Salzberg gibt etwa 10 Minuten an (an dieser Stelle bietet sich eine App mit Achtsamkeitsgong an), wendet man sich dem gewählten Wohltäter zu. Die gewählten Sätze werden modifiziert oder neue Sätze, angefüllt mit Liebender Güte, erschaffen – je nachdem, wie es einem selbst leichter fällt evenutelle Barrieren zwischen sich und dem anderen abzubauen. Der Wohltäter kann visualisiert werden, wenn wir damit beginnen ihn mit Hilfe der Sätze mit metta, mit Liebender Güte umhüllen. Dabei ist es nicht wichtig Liebe zu verspüren. Es kann sein, dass keine Liebe in einem aufsteigt und wir sollten nicht darum ringen, dass es passiert. Wir behandeln die Sätze als etwas sehr kostbares und zerbrechliches, an dem wir uns erfreuen und es weitergeben, um auch den anderen zu erfreuen. Sich metta hierbei als etwas unglaublich schönes, aber auch unglaublich zerbrechliches vorzustellen, was wir so vorsichtig wie möglich, ohne Kraftaufwand, aber mit höchster Aufmerksamkeit weitergeben. Jeder Satz sollte, wie auch wenn wir uns selbst metta senden, gespürt werden. Ohne Hast und Druck, in Sanftheit und Liebe.

Ich beginne meine Übung wie die letzten Male auch am Abend im Liegen. Die Meditationszeit stelle ich auf 20 Minuten. Ich bin nicht müde, doch verfalle ich sehr schnell in einen ziemlich tiefen Entspannungszustand, in dem ich nicht einmal mehr einen Gedanken wahrnehme. Ich schlafe nicht, nein, ich bin einfach nur vollkommen leer in Gedanken und vollkommen ruhig im Geist. Ich denke gar nichts. So angenehm der Zustand ist, so ganz Sinn der Sache war das wohl nicht. Ich beende diesen Zustand nach 20 Minuten mit dem letzten Gong-Schlag. Dass ich in einen derartigen Zustand verfallen bin, nehme ich erstmal so hin. Ändern kann ich es doch nicht.

Am Morgen starte ich einen neuen Versuch. Dieses Mal wiederum im Sitzen auf dem Sofa. Es klappt besser, in Gedanken bei meinen Sätzen zu bleiben, auch wenn sich erneut tiefe Entspannung einstellt. Wesentlich schneller als beim ersten Mal und dieses Mal sogar ohne die Hilfe von Musik. Doch ich halte an meinen Sätzen, der Visualiserung meiner Wohltäter und der Energie, die ich aussende fest. Gleichzeitig merke ich, wie wichtig es ist, sowohl bequem, als auch sicher und unverkrampft zu sitzen, denn die Entspannung greift wirklich wirklich tief. Am Ende bin ich erneut innerlich ruhig, ausgeglichen, entspannt und in der Gegenwart fokussiert.

Doch noch etwas anderes fällt mir auf. Wir haben zwei Zwergkaninchen, deren Stall bei uns im Wohnzimmer steht. Sie haben ihren eigenen Bereich, der zwar nicht abgesperrt ist, jedoch von ihnen nicht verlassen wird, ausser ab und an mal bei uns auf dem Sofa nach dem Rechten zu sehen. Seit Beginn des Experimentes konnte ich beobachten, dass beide nicht nur die ganze Zeit vor ihrem Käfig in ihrem Bereich waren, sondern selbst ruhig wurden und sich entspannt hinlegen. Wirklich entspannt auf der Seite und lang ausgestreckt. Eigentlich etwas, was man bei Kaninchen, die Fluchttiere sind, sehr sehr selten sieht. Zum einen bin ich mir natürlich sicher, dass sie wissen, dass sie bei uns in absoluter Sicherheit sind und versorgt werden. Zum anderen habe ich den Eindruck, dass auch sie auf ihre Art an den Meditationen teilnehmen. Anfangs fraßen sie in der Zeit und gesellten sich erst später zu mir. Nun begeben sie sich selbst von Beginn an in ihre eigenen entspannten Positionen. Was mir wiederum zeigt, wie stark die Kraft von metta selbst in diesem frühen Stadium ist.

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