Achtsamkeit, Meditation, metta

Das Metta Experiment – Tag 1

Zunächst eine kleine Änderung. Eigentlich wollte ich hier immer eine Woche zusammen fassen. Allerdings haben sich mir bereits jetzt soviele Gedanken aufgetan, dass ein Post entweder den Rahmen sprengen oder den Inhalt zu kurz fassen würde. Daher fange ich nun doch an die einzelnen Tage zu posten.

 Ich habe also gestern abend mit den Übungen aus dem Buch Metta Meditation – Buddhas revolutionärerWeg zum Glück von Sharon Salzberg begonnen. Die Buchbesprechung werde ich entsprechend noch unter „Bücher“ veröffentlichen. Hier möchte ich mich wirklich auf die Übungen und ihre Wirkung beschränken.

Übung 1: Bedenken Sie das Gute in sich.

In dieser Übung geht es darum, 10 – 15 Minuten über etwas Freundliches oder Gutes, was man gesagt oder getan hat, eine großzügige Handlung, Fürsorge oder etwas anderes bei dem man zum Wohlbefinden eines anderen Menschen beigetragen hat, zu meditieren. Die Handlung sollte im Sinne von metta (Pali: Liebe) vollzogen worden sein, das heisst ohne an eine Bedingung geknüpft zu sein. Sollte einem hier nichts einfallen, dann soll die Aufmerksamkeit alternativ einer Eigenschaft zugewandt werden, die man selbst an sich schätzt. Sollte einem auch hier keine Idee kommen, soll sich dem eigenen tiefen Wunsch nach Glück zugewandt werden, mit dem Wissen, dass dieser gut und richtig ist. Bei aufkommenden positiven Gefühlen der Wärme und des Glücks kann verweilt werden. Negative Gefühle oder Gedanken, Zorn über das eigene Unvermögen (sollte einem zu den ersten beiden Punkten nichts einfallen), sollten, wie in allen anderen Meditationsvarianten, ziehen gelassen. Nicht mit Macht und Gewalt weg schieben, sondern zur Kenntnis nehmen, weiter ziehen lassen und sich wieder dem eigentlichen Meditationsobjekt zuwenden. Es geht bei dieser Übung um die Fähigkeit loszulassen und wieder von vorn beginnen zu können. Sie hat kein „Ziel“ in dem Sinne, dass man mit einem bestimmten Gefühl daraus hervor gehen oder zu einem bestimmten Schluss kommen muss. Allein zu lernen Negatives zu erkennen, zu akzeptieren und gehen zu lassen, ist hier das Ziel.

Ich nehme mir also meine Achtsamkeits-App zur Hand, da ich mir hier eine eigene Meditationsdauer mit Klängen (sprich Gongtönen) einstellen kann. Man kann natürlich auch jede andere App verwenden, wie zum Beispiel Medigong (da sagen mir allerdings die Gongtöne irgendwie nicht zu). Einen Kurzzeitwecker zu stellen finde ich nicht empfehlenswert, da einen dieser doch sehr unsanft aus der Meditation reisst, weil er sofort abgestellt werden muss, sonst bimmelt er weiter. Nutzt man eine Timer- oder Meditations-App ertönt der gewählte Klang und man kann ganz in Ruhe in die Gegenwart zurück kehren.

Bereits beim Lesen der Übung fiel mir gleich eine Situation ein, die auch Objekt meiner ersten Meditation werden sollte. Diese Situation liegt schon einige Jahre zurück, hat sich mir jedoch sehr ins Gedächtnis gebrannt. Ich war auf meinem Weg in die Mittagspause, wie üblich gestresst, weil 30 Minuten Pause nicht unbedingt viel sind, insbesondere, wenn man sich noch etwas zu essen besorgen möchte. Auf meinem Weg kam ich an einem Geldautomaten vorbei. Davor stand eine etwa mittelalte Dame, die offensichtlich Schwierigkeiten hatte, mit dem Gerät umzugehen. Ich gebe zu einen Moment lang überlegt zu haben, ob ich nicht einfach weiter gehe. Immerhin war meine Pause kurz genug. Ich habe es nicht getan und die Dame angesprochen. Sie hatte Probleme beim Sprechen, sowie mit der Motorik durch dauerndes Zittern. Ich sprach mit ihr, half ihr die EC-Karte in den schmalen Schlitz zu schieben und nach dem Geld abheben wieder in die Hülle zu fummeln. Dinge, die sonst so alltäglich sind, waren für diese Dame sehr schwierig. Ich half ihr noch die Karte im Geldbeutel zu verstauen, fragte, ob sie noch weitere Hilfe benötige (was sie verneinte) und wünschte ihr dann noch einen schönen Tag. Sie bedankte sich und ging dann ihrer Wege. Warum sich diese Begebenheit so in mein Gedächtnis gebrannt hat, liegt daran, wie es mir danach ging. Ich fühlte mich zwar irgendwo gut, aber gleichzeitig tat mir das Herz weh. Es war ein ganz merkwürdiger Schmerz, mehr als würde etwas sehr sehr trockenes und fast abgestorbenes wieder zum Leben erwachen. Ich merkte, wie sehr ich mich durch meine Arbeit beziehungsweise mein Arbeitsumfeld anderen gegenüber verschlossen habe. Hart bin ich geworden, nicht unbedingt herzlos, aber ich habe doch viele ausgesperrt und blende andere Menschen aus. Und diese Härte bekommt an diesem Tag einen kräftigen Knacks. Ich frage mich, wann das angefangen hat und warum ich so geworden bin.

 Nach der Meditation frage ich mich, ob das wirklich die einzige Situation ist, das einzige Mal seit Jahren, in der ich etwas „Gutes“ getan habe. Da ich am Abend vor der Nachtruhe meditiert habe, belasse ich es bei dieser Frage und gehe zu Bett. Am nächsten Tag frühstücke ich wie gewohnt und mache anschliessend wie immer meine Yogaübungen. Trotz des anhaltenden Sturmes habe ich erstaunlich gut geschlafen und bin entsprechend gut ausgeruht. Nach meinen Übungen nehme ich im Schneidersitz Platz auf dem Sofa, mit einigen Kissen im Rücken, damit ich etwas gestützt sitze. Ich mag nicht im Liegen meditieren, auch wenn dies sehr bequem ist, so mit dem dicken Bauch vorn dran. Mein Baby regt sich so oder so immer, wenn ich meditiere, egal ob ich sitze oder liege.

Ich stelle mir wieder einen 15-Minuten-Timer in meiner App, richte mich im Sitzen auf und schliesse die Augen. Erneut will ich mich einer Situation widmen, in der ich etwas Gutes oder Freundliches getan habe. Zunächst kommt mir die bereits beschriebene Situation in den Sinn. Dann erinnere ich mich an etwas anderes, eine schlimme Situation in der Arbeit. Ein Kollege hatte eine Infektion im Bein und musste ins Krankenhaus. Ich habe ihn die Zeit, bis der Krankenwagen kam, mit ihm geredet und ihn beruhigt. Ein anderer Kollege hat seine Sachen aus seinem Spint in unserer Niederlassung geholt. Ich habe ausserdem dann die Rettungskräfte eingewiesen und wo ich eh schon dabei war, die Kollegen in eine Raucherpause geschickt und so lange ihre Aufgaben übernommen. Für mich war das selbstverständlich. Erst die anderen, dann ich, denn ich kann in solchen Situationen meine eigenen Bedürfnisse komplett ausblenden und mich auf andere, sowie die Lösung der Situation konzentrieren. Als ich dann im Zug nach Hause saß, wurde mir erstmal die gesamte Situation bewusst. Ich konnte in der Nacht nicht schlafen und habe am nächsten Tag nach Rücksprache nur eine halbe Schicht gearbeitet. Was mich dann allerdings sehr mitnahm, war zum einen das Gerede und die Sensationslust meiner Kollegen. Es fragte ausserdem niemand, wie es mir damit ging. Zum anderen traf mich, dass mir kein Dank zukam. Der betroffene Kollege bedankte sich bei allen anderen für ihre Hilfe und ich fiel hinten runter. Gut, dachte ich, vielleicht ist ihm das gerade nicht so bewusst. Doch auch, als ich ihn dann mal allein besuchte kam nichts. Nicht, dass ich das getan hätte, um Lorbeeren zu ernten, doch dass meine Unterstützung nicht für voll genommen wurde, traf mich damals sehr. Diese Gefühle steigen während der Meditation wieder in mir auf. Ich betrachte sie und lasse sie dann ziehen. Und frage mich dann, warum Gutes tun, wenn einem keine Dankbarkeit entgegen gebracht wird? Warum etwas uneigennütziges Tun, wenn es doch keiner würdigt? Die Antwort, die ich mir selbst darauf gab: Weil es in meinem Wesen liegt. Weil ich Liebe und Güte zu geben habe und diese Welt genau dies braucht. Dass ich etwas Gutes tue, weil ich es will und weil ich will, dass es meinem Gegenüber gut geht.

Dann ist die Zeit um und ich öffne langsam wieder meine Augen.

Mein Fazit dieser beiden Übungssequenzen: Bereits diese einfache Übung wirft viele Emotionen auf. Diese nicht zu bewerten, sich selbst und/oder die anderen zu bewerten und zu verurteilen, das ist sehr schwer. Ich habe bereits etwas Übung darin durch meine Achtsamkeitsmeditation und das achtsame Yoga. Daher fällt es mir etwas leichter, die Gefühle mit etwas Abstand zu sehen und einfach nur wahrzunehmen. Wer allerdings gerade erst mit Meditation beginnt, sollte sich dessen bewusst sein, dass metta Meditation einiges an Übung braucht.

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