Geburt und Wochenbett

Dieses Kapitel zu schreiben ist nicht einfach. Ich möchte keinen Geburtsbericht schreiben, dennoch möchte ich schildern, wie meine Übungen mir bei der Geburt geholfen haben.

Alles rund um die Geburt hat mit Wahrnehmung zu tun. Wahrnehmungen werden von unseren Empfindungen, unseren Gedanken und Gefühlen beeinflusst. Wenn wir etwas sehen, hören, riechen oder spüren, dann nehmen wir nicht nur diese Information selbst war, sondern gleichzeitig auch Gedanken dazu, Dinge, die uns jemand über etwas erzählt hat, was wir gelesen haben, Erinnerungen die damit verknüpft sind. Wir nehmen selten etwas so wahr, wie es ist und lassen uns von der Wahrnehmung leiten. Was uns die meiste Zeit führt, wenn wir im Autopiloten unterwegs sind, sind unsere Empfindungen, unser Wissen und unsere Gedanken. Dadurch wird alles, was wir wahrnehmen eingefärbt und eine Situation kann nicht so pur wahrgenommen werden, wie sie ist.

Die Geburt ist sehr intensive Erfahrung. Sie ist das der zentrale Wendepunkt auf einer Reise, der wir uns mit dem positiven Schwangerschaftstest bewusst geworden sind (begonnen hat sie freilich früher). Die Geburt ist eine Transformation, die tiefgreifende Veränderungen in der Persönlichkeit mit sich bringt – wenn wir sie zulassen. Über die Geburt wird viel berichtet, geschrieben, erzählt. Es gibt unzählige Geburtserlebnisse, jede Geburt ist einzigartig. Jedoch sind wir Menschen im Geiste so eingestellt, dass eher die negativen Berichte und Geschichten erinnert und immer wieder hoch geholt werden, anstatt der guten, der positiven Berichte. Es ist ja in allem so, dass wir eher etwas schlechtes weiter erzählen, als etwas gutes. Warum? Weil unser Geist immer auf Angriff oder Flucht aus ist, immer analysiert, Szenarien entwirft, um auf der Hut zu sein, um rechtzeitig angreifen oder fliehen zu können. Wir können noch so viele schöne, kraftvolle oder auch witzige Geschichten rund um die Geburt hören, es braucht nur eine schlechte Erfahrung, um diese wieder vergessen zu machen. Unsere Gedanken kreisen dann darum, ob uns das auch passieren kann. Wir bekommen Angst. Angst ist allerdings ein schlechter Ratgeber in dieser Situation.

Es gibt etwas, was wir nie vergessen dürfen: Wir sitzen am Steuer unseres Lebens. Wir haben es selbst in der Hand. DU hast es in der Hand. Daran müssen wir uns jedes Mal erinnern, wenn negative Gedanken über uns hinweg schwappen. Niemand anderes steuert uns, wir selbst sind es, die das Ruder in der Hand haben. Und genau hierbei hilft es, wenn wir uns in Achtsamkeit üben können. Es fällt uns dann leichter uns mit dem kommenden Geburtserlebnis auseinander zu setzen. Achtsamkeit hilft uns auch den Gedanken, dass alles nach einem gewissen Schema ablaufen soll, los zu lassen. Wir können uns leichter darauf einlassen, Entscheidungen abzuwiegen, besonders wenn dies bedeutet, dass wir die Führung gegebenenfalls aus der Hand geben müssen.

Wie noch kann Achtsamkeit bei der Geburt und der Vorbereitung darauf hilfreich sein?

So wirklich auf die Geburt vorbereiten kann man nicht. Denn man weiß nie genau, was passieren wird, welchen Verlauf sie nehmen wird. Ob die Wehen stark sein werden, ob es Geburtsverletzungen geben wird. Das alles ist nicht abzuschätzen. Und genau damit umzugehen, dabei hilft es im achtsamen Gewahrsein geübt zu sein. Ich habe in der Schwangerschaft mit Achtsamkeitsmeditationen begonnen. Dabei habe ich gelernt, wie ich mit unliebsamen Empfindungen umgehen kann. Ich habe gelernt, Schmerzen nicht sofort zu verstoßen, sondern zu horchen, was da weh tut und warum. Besonders wichtig ist dies, wenn die Wehen beginnen. Niemand weiß vorher, wie stark sie sein werden, doch wissen wir instinktiv, wenn wir Wehen haben. Die ersten Wehen, selbst wenn wir vorher Senkwehen hatten, sind vom Gefühl her vollkommen anders. Und sie kommen meistens sehr überraschend. Die erste Reaktion ist, neben Überraschung, schnell Sorge und Unsicherheit. Dabei ist es egal, ob wir uns zusätzlich in einem Geburtsvorbereitungskurs ausgetauscht haben oder nicht. Hier schaltet sich dann unser Gehirn auch wieder ein. Wir wissen, dass die Eröffnungsphase ziemlich lange dauern kann. Gleichzeitig sind wir kontinuierlich den Empfindungen durch die Wehen ausgesetzt. Da hat man schnell die Nase voll oder wird ungeduldig. Wir versteifen uns innerlich, werden aggressiv oder wollen flüchten, was nicht geht. Und selbst wenn wir uns den reinen physischen Schmerz erleichtern lassen, so geht der Prozess an sich dadurch nicht schneller voran. Sind wir in Achtsamkeit geübt, können wir verhindern, dass wir durch unseren Geist so stark beeinflusst werden. Wir können die Wehen als etwas notwendiges verstehen, als etwas produktives. Anstatt gegen das Gefühl zu arbeiten oder weg laufen zu wollen, können wir uns von unserem Atem leiten lassen. Wir haben die Möglichkeit die Geburt als etwas transformierendes wahrzunehmen, anstatt nur daran teil zu haben, während unser Geist uns mit allen möglichen Gedanken und Befürchtungen befeuert.

Ich habe während der Geburt recht schnell das Zeitgefühl verloren. Um die Abstände zwischen den Wehen zu messen, habe ich keine Uhr verwendet, sondern mir die moderne Technik zu nutze gemacht und eine App verwendet. Dies hatte den Vorteil, dass ich mich auf meinen Atem konzentrieren konnte. Ich habe, durch das Wissen aus meinen Übungen, die Wahrnehmung der Wehen zulassen können ohne sie mit Empfindungen zu belegen oder zu analysieren. Als die ersten Wehen am Abend einsetzten, war ich mir bereits sicher, dass es sich um Geburtswehen handelte. Da die Abstände noch sehr groß waren, gingen wir an diesem Abend noch zu Bett. Dadurch, dass ich in der Lage war, mich nur auf den Moment zu konzentieren, konnte ich in den Wehenpausen schlafen. Und das sogar noch als wir bereits im Krankenhaus waren und die Wehen einen Abstand von fünf Minuten hatte. Die pure Wahrnehmung ohne (starke) Beeinflussung durch Gedanken und Empfindungen war beeindruckend und beruhigend zugleich. Gleichzeitig konnte ich mir bewusst machen, dass der Wehenschmerz nicht einfach nur da ist und weh tut und nervt. Wehen sind eine produktive Kraft, die den Weg der Geburt beschreiben. Wie Wellen, auf denen man nur zu reiten wissen muss.

Das Wochenbett beginnt direkt nach der Geburt. Dieser Begriff ist wörtlich zu nehmen, denn die Veränderungen in unserem Leben sind bei weitem noch nicht abgeschlossen. Mit der Geburt beginnt der nächste Schritt, das Leben als Eltern, als Familie. In unserer Gesellschaft wird das Gebilde Familie sehr zwiegespalten betrachtet, man teilt den Menschen auf in Mutter und Vater, sowie (Ehe)Partner und (Ehe)Partnerin. Als wenn wir urplötzlich eine gespaltene Persönlichkeit entwickelt hätten. Das ist natürlich Unsinn, wir sind immer noch ein Wesen. Jedoch ist es schwer diese Einheit in sich zu halten. Unter anderem deswegen ist es wichtig, sich als Eltern, die Zeit zu nehmen diese Veränderungen, die nun eingetreten sind und noch eintreten werden, wahrzunehmen und sie bewusst zu erleben. Nicht nur die körperlichen Veränderungen durch die Hormone sind anstrengend für beide Elternteile. Beide sind auch damit beschäftigt, das neue Mitglied in ihrer Familie kennen zu lernen. Das bedeutet, in dieser Zeit ganz besonders auf sich zu achten. Mit „sich“ meine ich alle Mitglieder der Familie. Auch das Baby ist damit beschäftigt in der Welt anzukommen und sich zurecht zu finden. Dabei ist es darauf angewiesen, dass seine Eltern seine Signale wahrnehmen und darauf Rücksicht nehmen. Dessen müssen wir als Eltern uns bewusst sein. Es ist an uns eine Balance zwischen unseren Bedürfnissen und denen unseres Babies herzustellen. Dies kann nur geschehen, wenn wir uns achtsam einander zu wenden. Das bedeutet nicht, dass wir jetzt vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche achtsam sind. Das geht gar nicht. Niemand kann das, selbst der geübteste Mensch nicht. Es bedeutet, dass wir uns mit offenem Herzen und offenen Augen unserem Baby zu wenden, wenn es sich an uns wendet. Und das tut es mit vielen kleinen Lauten, seiner Mimik und Bewegungen, lange bevor es anfängt zu weinen. Wenn es uns gelingt, diese kleinen Signale aufzunehmen, werden wir schnell verstehen, was unser Baby will. Und können entsprechend reagieren. Recht schnell sehen wir, wann Hunger angesagt ist, wann müde und wann die Windel voll ist. Wir lernen mit der Zeit auch, dass nicht jedes Weinen eine physische Ursache hat, sondern unser Baby auch einfach mal über die Welt schimpft. Es ist nicht einfach so klein zu sein und so viel neues auf einmal zu lernen. Das ist etwas, was wir als Eltern jedoch erst einmal verstehen lernen müssen. Betrachten wir unser Baby in diesen Situationen jedoch genau, sind wir ganz da bei ihm, ohne auf die Uhr zu sehen, ohne Unruhe, sondern sind da und hören ihm zu, dann werden wir auch diese Phasen gut überstehen können. In solchen Zeiten lernen wir am meisten über unser Baby. Und unser Baby über uns. Es spürt, dass wir da sind, wirklich da sind und es wahrnehmen mit all seinen Sorgen. Es kann sich geborgen fühlen, es weiss, dass es ernst genommen wird. Welche Übungen aus den vorherigen Kapiteln hierbei am hilfreichsten sind, muss jeder allerdings jeder selbst heraus finden.

Ebenso, wie wir uns unserem Baby zuwenden, müssen wir uns auch uns selbst zu wenden. Auch wenn wir wollen, dass es unserem Baby gut geht, dürfen wir nicht vergessen, dass es das nur tut, wenn es uns auch gut geht. Wir können die Veränderungen, die in uns vorgehen, nicht nur die hormonellen, besser akzeptieren. Wir schieben sie nicht weg, sondern können sie offen betrachten und vielleicht sogar etwas an ihnen finden, was uns gut tut.

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