Wir leben uns langsam ein

Eigentlich wollte ich als erstes über meine Geburtserfahrung in Verbindung mit meiner Vorbereitung durch Meditation schreiben. Dies werde ich jedoch zu einem späteren Zeitpunkt tun, da ich zum Teil immer noch damit beschäftigt bin, die Zeit im Krankenhaus zu verarbeiten.

Seit knapp zwei Wochen sind wir, nach 5 Tagen Intensivstation und 3 weiteren Tagen Überwachung auf der Kinderstation, nun zuhause. So langsam finden wir uns zurecht, leben uns ein als Dreierteam, als Familie, als Stillpaar. Ich habe einige Zeit gebraucht, um nicht nur körperlich, sondern auch seelisch nach dem langen Krankenhausaufenthalt zuhause anzukommen. Die Hormone haben ihr übriges getan.

Nachdem unsere Tochter am 07.06. zur Welt kam und ich die zwei schönsten Augenblicke in meinem bisherigen Leben erleben durfte: meine Tochter auf die Brust gelegt bekommen und der Blick in den Augen meines Mannes, als er sein Kind zum ersten Mal sehen und anfassen konnte, wurde sie uns am selben Abend noch „weg genommen“ und auf die pädiatrische Intensivstation verlegt. Allein dies brach mir erstmal das Mutterherz. Gründe hierfür waren starkes, fast krampfartiges Zittern, die Blutwerte (u.a. hat der Laktatwert nicht gepasst) und Schwierigkeiten mit der Atmung, die immer wieder zu einem Sauerstoffsättigungsabfall führten. So gut und richtig es war, dass unsere Kleine überwacht und alles an möglichen Gründen ausgeschlossen werden konnte, so schlimm war es für mich und meinen Mann. Wir hatten damit gerechnet, dass die Kleine und ich spätestens nach vier Tagen nach Hause dürften. Während der Zeit auf der Intensivstation habe ich mein Kind nur zum Stillen gesehen, mein Mann nur, wenn er zur Besuchszeit bei mir war. Ich hätte zwar jederzeit zu ihr gedurft, allerdings war die Situation auf der Intensivstation so derartig beklemmend für mich, dass ich es dort nie lange ausgehalten habe. Was dazu führte, dass ich mich jedes Mal, wenn ich ging fühlte, als würde ich mein Kind im Stich lassen. Um ihr die beste Unterstützung zukommen zu lassen, die ich ihr als Mutter geben kann, habe ich mich immer anrufen lassen, wenn sie Hunger hatte, auch nachts. Was die Schwestern auf Station etwas überraschte. Immer wieder bekam ich angeboten, ich könne ruhig nachts auch mal schlafen, sie würden sich dann schon kümmern. In der ersten Nacht nach dem Tag der Geburt nahm ich das Angebot an, ich hatte den Schlaf bitter nötig. Danach ließ ich mich jederzeit anrufen. Was hiess etwa alle 3 Stunden durch das halbe Krankenhaus laufen, um zu stillen. Aber das war es mir wert. Denn ich wusste, so kann ich meiner Tochter die Nähe geben, die sie auf der Station so dringend braucht und sie erhält die besten Nährstoffe. Sie hat nach der Geburt 70g verloren, was nicht viel ist, allerdings bei einem Geburtsgewicht von 2370g doch zu Buche schlägt. Um die Milchproduktion zusätzlich anzuregen, pumpte ich zwischendurch ab. Zum Glück stellte sich der Milcheinschuss recht schnell ein, so dass ich bald gut Milch für mein Baby hatte. Ich wurde also immer zum Stillen angerufen. Dann hiess es jedes Mal „Pro Seite 15 Minuten.“ Ich hab zwar genickt, innerlich aber den Kopf geschüttelt. Wie soll denn so ein kleines Kind (47 cm bei der Geburt) in 15 Minuten so viel trinken, dass es an die fettreiche Hintermilch kommt, die es zum zunehmen braucht? Also habe ich sie auf jeder Seite so lange trinken lassen, wie sie wollte. Zum einen hat sie dann auch viel Nähe und Geborgenheit, zum anderen konnte ich sicher sein, dass sie wirklich alles an Muttermilch bekommt, was sie braucht. Somit hatte sie dann auch am 8. Tag, an dem wir dann auch endlich entlassen wurden, ihr Geburtsgewicht bereits überschritten.

Als wir unsere Tochter das erste Mal auf der Intensivstation besuchen konnte, brach es mir erneut das Herz. Sie lag da in einem Wärmebettchen mit einer Glukoseinfusion am Kopf und etlichen Kabeln am Körper. Sie wirkte dadurch noch winziger und zerbrechlicher. Es folgten schwere Tage und noch schwerere Nächte, in denen ich teilweise weinend bei meinem Kind saß. Meine Mutterseele war zutiefst verletzt. Gleichzeitig kam ich mit der beklemmenden Atmosphäre nicht klar. Überall Monitore zur Überwachung, die irgendwelche Geräusche von sich gaben. Der schwere Geruch von Desinfektionsmittel. Die ganzen Inkubatoren der Frühgeborenen. Und im Ganzen war es auch recht dunkel, auch am Tag. Ich habe sehr gelitten, aber ich habe meine Stärke daraus bezogen, das Beste für mein Kind zu tun. Trotz der starken seelischen Belastung habe ich es geschafft immer wieder Schlaf zu finden, denn ich habe mich an meine metta Übungen erinnert. Also habe ich jedes Mal, wenn ich schlafen musste, meiner kleinen Tochter metta gesendet. Ich habe auf die Verbindung, die wir schon während der Schwangerschaft zueinander aufgebaut haben, vertraut.

Als wir endlich nach Hause durften, fiel es mir zunächst sehr schwer mich zurecht zu finden. Die Zeit im Krankenhaus ging mir sehr nach. Dauernd hatte ich Angst, ich weinte sehr viel. Bei jeder Kleinigkeit habe ich mich wie ein Versager gefühlt oder als zu dumm Mutter zu sein empfunden. Vom Kopf her wusste ich, dass es Unsinn ist. Mein Herz erzählte mir etwas anderes. Und beide hörten nicht mehr aufeinander. Es war, als wäre die Verbindung zwischen ihnen zerbrochen. Mein Mann machte sich große Sorgen um mich. Ebenso meine Schwester. Doch ich wusste, dass es keine echte Depression war, sondern nur ich aus dem Gleichgewicht gekommen bin. Irgendwann, ich hatte mich nachmittags kurz hingelegt und mein Mann schaute nach unserer Kleinen, sendete ich mir selbst, nach langer Zeit, metta. Ich musste zwar wieder aufstehen und zu den beiden gehen, weil ich keine Ruhe fand, aber allein die weniger Minuten schienen etwas bewirkt zu haben. Also habe ich begonnen mir immer wieder im Laufe des Tages selbst metta zu senden. Und schrittweise kam ich dann wieder ins Gleichgewicht. Nah am Wasser gebaut bin ich weiterhin, allein durch die Hormone und ich nehme auch sehr viel schnell persönlich, was auch dem Schlafmangel geschuldet ist, aber es geht mir dennoch um einiges besser. Denn ich habe wieder Freundschaft mit mir selbst geschlossen, indem ich mir selbst metta gesendet habe.

Es ist immer noch nicht leicht und meine Kleine wird wohl noch einige Zeit brauchen ganz in dieser Welt anzukommen. Doch es gibt jeden Tag einen kleinen Schritt in die richtige Richtung.

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