Beziehung statt Erziehung 7 Tage Challenge – Countdown 2

Tag 6 – Zeit

Zeit, ein elementares Thema in unserer Gesellschaft. Alles dreht sich nur noch um Termine, Fristen, Erledigungen, Veranstaltungen und und und. Es muss immer alles schnell gehen. Besser gestern als heute. Nicht nur in der Arbeitswelt, auch der normale Alltag ist an Zeiten gebunden. Soll an feste Zeiten gebunden werden denn, so meinen viele, Kinder brauchen einen strikten und festen Tagesablauf, damit es keinen Stress gibt. Natürlich gibt es Kinder (und auch Erwachsene), die feste Abläufe als Halt im Alltag brauchen. Aber auch da ist es wichtig, darauf zu achten, dass in diese Abläufe keine Hektik, kein Zeitdruck kommt. Feste Zeiten für Aufstehen, Frühstück, für Termine, Kindergarten, Schule und und und müssen so gewählt sein, dass sie trotzdem genug Ruhe zulassen. Es sollte sich am Biorhythmus des Kindes orientiert werden. Ein Kind früher ins Bett zu stecken, damit es morgens früher aufstehen kann, es aber noch gar nicht müde ist, bringt nichts. Geht das Kind von allein früh ins Bett und ist dann auch früher ausgeschlafen, ganz anderes Thema.

Ich bin selbst eher der gemütliche Typ. Früher, ja, da hab ich mir auch immer Stress gemacht, damals, in jungen Jahren, als ich noch sehr von aussen beeinflusst wurde. Bis ich dann irgendwann gemerkt habe, es bringt nix. Schon immer ein Frühaufsteher gewesen, bin ich dann eben einen Bus früher zur Schule gefahren, konnte gemütlich das letzte Stück laufen und mich innerlich auf den Unterricht vorbereiten. Das zog sich dann auch durch meine Ausbildungszeit. Lieber etwas früher irgendwo sein und dann in der Lage sein, auf Unvorhergesehenes reagieren zu können, das war meine Devise. Denn das ist schon ein Manko, was ein enger Zeitplan hat: Passiert etwas Ungeplantes, ist man aufgeschmissen (Schuld sind aber logischerweise immer alle anderen, auch so ein typisches Problem). Noch entspannter wurde ich, als ich im Ausland gelebt habe. In Irland, wo ich zwei Jahre gelebt und gearbeitet habe, muss man zwangsläufig von diesen festen Zeitplänen Abschied nehmen. Auf den Fahrplänen der Busse stehen die Zeiten, wann sie an der Starthaltestelle los fahren (sollten). Man muss dann ungefähr die Strecke kennen, um dann ungefähr zu wissen, wann der Bus dann kommt. Klappt in der Früh relativ gut, im Berufsverkehr nimmt man dann wirklich einfach den Bus, der dann kommt. Egal, ob der jetzt eigentlich zu früh oder zu spät oder sonst was ist. Anschlüsse klappen selten, weswegen man meistens ohnehin etwas früher fährt. Ich bin übrigens trotzdem immer pünktlich in der Arbeit gewesen, auch ohne mich großartig zu stressen. Wenn man nämlich akzeptiert, dass es einfach so ist, dann pendelt man sich zeitlich selbst so ein, dass es einfach passt. Man ärgert sich nicht über Staus und sonstiges. Diese Ruhe zieht sich seitdem durch meinen Arbeitsalltag. Ich habe immer in Ruhe, ohne Stress gearbeitet. Ich habe mich auch nie, wenn ich z.B. im direkten Kundenkontakt gearbeitet habe, durch ungeduldige Kunden aus der Ruhe bringen lassen (ihr wisst schon, diese Menschen, die von einem Fuß auf den anderen trampeln und dann letztendlich meist nur eine simple Information haben wollen, die überall geschrieben steht). Büroarbeit habe ich immer in meinem eigenen Tempo erledigt, mir Pausen gegönnt und trotzdem immer alles „rechtzeitig“ fertig bekommen. Denn wer sich hetzt, macht Fehler. Wer Fehler macht, arbeitet doppelt. Allerdings fiel es mir immer schwerer in einem Umfeld zu arbeiten, in dem immer wieder mit Zeitdruck gearbeitet wird. Nicht zuletzt, weil einfach Informationen auf den letzten Drücker mit geteilt werden (da geht dann die Stress-Kette schon ganz am Anfang los). Denn, wer hetzt, vergisst auch Dinge. Und vergesse ich Dinge, mache ich Fehler, muss ich doppelt und dreifach arbeiten. Ne, definitiv nicht mein Ding.

Durch einige Umstände an meinem letzten Arbeitsplatz hatte ich ein Beschäftigungsverbot und so die Möglichkeit meinen Tag tatsächlich so vor sich hin fliessen lassen, wie er grad kam. Interessanterweise spielt sich auch dann irgendwann ein gewisser Rhythmus ein. Dieser ist aber natürlich, von allein entstanden und etwas vollkommen anderes als aufgezwungene Zeiten.  Dieser Rhythmus entspricht unserem Biorhythmus. So halte ich es auch seit der Geburt der kleinen Dame. Nach den ersten Wochen, in denen sich wirklich alles erstmal einspielen musste, nehme ich jeden Tag so, wie er kommt. Mein Mann ist, durch seine Arbeit, zwar an gewisse Zeiten gebunden, jedoch haben wir die Möglichkeit an seinen freien Tagen alles auf uns zu kommen zu lassen.

Den Mut aktiv und bewusst zu entschleunigen, sich nicht unter Zeitdruck setzen zu lassen, muss man heutzutage wirklich erstmal haben. Leider gehört tatsächlich sowas wie Mut dazu, Uhrzeiten eher als Orientierung, als als feste Werte zu nehmen. Mir würde es im Grunde reichen mich am Sonnenstand zu orientieren. Wäre generell etwas relaxter, wenn wir alle nicht dauernd auf die Uhr sehen würden. Zur Zeit lasse ich mich von der kleinen Dame leiten, von ihrem Rhythmus. Da sind Uhrzeiten egal und allzu viel Zeit, die irgendwie übrig bleibt, gibt es nicht. Auch, wenn wir gar nichts unternehmen. Denn ich nutze die Zeit, die ich nicht Wäsche wasche oder koche oder etwas anderes im Haushalt mache (wobei da mein Mann wirklich viel übernimmt), dazu meinem Kind dabei zu begleiten, wenn es die Welt erobert. Ich bin fasziniert von den vielen kleinen Dingen, die sie entdeckt, von Gesten, die sie entwickelt, um mit uns zu kommunizieren.

Auch wenn wir irgendwann gezwungen sein werden, uns wieder mehr an Zeiten von aussen zu orientieren, werde ich versuchen, auch dann weiterhin soviel Ruhe und Freiraum für Zeit ohne Zeit(druck) zu schaffen. Vielleicht setzt sich bis dahin Gleitzeit bei Arbeitgebern mehr durch. Vielleicht gibt es bis dahin dann auch mehr Gleitzeitschulen, wie in diesem aktuellen Projekt einer Schule in Aachen (hier ist noch ein Interview mit dem Schulleiter). Gleitzeit in Krippen und Kindergärten gibt es ja schon. Warum das nicht weiter ausbauen? Für entspanntere Eltern, besser gelaunte Mitarbeiter, Kinder die ausgeschlafen und mit Freude in die Schule gehen (der meiste Frust kommt ja nicht selten durch das frühe Aufstehen)?

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