Beikost – der achtsame Weg zum Essen

Ich habe mir natürlich während meiner Schwangerschaft Gedanken darum gemacht, wann und wie mein Baby dann anfangen wird richtig zu essen. Man liest ja viel von zwischen dem 4. und 6. Monat, von Stillmahlzeiten mit Brei ersetzen und so weiter. Rezepte für Breie. Aber nirgendwo, wie das dann überhaupt gehen soll. Auch war nirgendwo zu erkennen, was für ein „Mitspracherecht“ das Baby hat. Stillen soll man nach Bedarf, Flasche auch. Und dann soll man einfach anfangen diese Nahrung zu ersetzen. Wie das von statten gehen soll, darüber gibt es viele Meinungen, auch ab wann. Die einen fangen einfach mit dem vollendeten 4. Monat an, egal, ob das Baby Interesse hat oder nicht. Und dann am besten so schnell wie möglich weg von Mamas Brust oder der Flasche. Andere sagen ein Baby kann vor dem 6. Monat gar nicht reif für Beikost sein. Und wieder andere sagen es ist normal, wenn ein Baby bis kurz vor dem vollendeten 1. Lebensjahr vollgestillt wird. Und wie in so vielen Punkten des Umgangs mit Babies und Kindern, gibt es hier kein Allgemeinrezept. Statisch sind wohl die meisten Babies um den 6.Monat herum bereit andere Kost als Milch zu sich zu nehmen. Hierfür gibt es einige Anzeichen, die beiden wichtigsten sind das Verschwinden des Zungenstoßreflexes mit dem feste Nahrung (oder Löffel) aus dem Mund geschoben werden und echtes Interesse am Essen. Das  äußert sich im Allgemeinen dadurch, dass das Baby Essen vom Elternteller greift und in den Mund schiebt. Nur dem Essen der Eltern hinterher zu schauen ist kein sicheres Anzeichen, sondern eher ein Beobachten, was Mama und Papa da bloß machen.

Mir persönlich hat der Gedanke an Brei füttern nicht wirklich zugesagt. Nicht, weil ich Brei für schlecht halte (ich esse für mein Leben gern Kartoffelpüree, also im Grunde auch Brei). Es ist nur einfach nicht mein Weg. Deswegen empfinde ich den Weg, den Baby Led Weaning, also das vom Baby gelenkte Abstillen, als für mich passend. Warum? Diese Art der Beikosteinführung orientiert sich am Baby selbst. Zum einen geht es wirklich erst los, wenn das Baby bereit dafür ist. Es kann also selbst bestimmen, wann es anfangen will das Familienessen kennen zu lernen (und sich im Zuge dessen irgendwann selbst abstillen). Das andere ist, dass es Essen als Sinneserfahrung wahrnehmen kann. Die ersten Schritte im Baby Led Weaning sind das Befühlen, Anschauen und Belutschen des Essens. Wirklich etwas im Magen landet davon freilich noch nichts. Am Anfang erfährt es die unterschiedlichen Konsistenzen der Lebensmittel. Lernt Geschmäcker, Farben und Formen kennen.Es übt den Umgang mit unterschiedlichen Längen in Form von Fingerfood. Und dann, irgendwann, landet etwas davon im Magen. Mit der Zeit lernt es, dass Essen satt macht. Und dass das zusätzlich angebotene Getränk (idealerweise Tee oder Wasser) Durst löscht. Es lernt Hunger und Durst als Empfindungen zu unterscheiden. Das ist sozusagen die reine, strenge Variante des Baby Led Weaning. Natürlich gibt es heutzutage auch eine Variante mit Breikost, insbesondere, wenn Nahrungsmittelunverträglichkeiten bestehen und normales Essen nichts für das Baby wäre. Wer sich dann die Mühe macht selbst zu kochen, gibt seinem Baby damit dennoch die Möglichkeit unterschiedliche Geschmäcker kennen zu lernen. Denn frisch gekochter Brei ist etwas vollkommen anderes als ein fertiger aus dem Glas. Letztere unterliegen strengen Kontrollen und so weiter, aber wir wissen doch alle wie das ist. Wenn es schnell gehen muss, macht man sich eine Tiefkühlpizza, wirklich gut schmeckt aber trotzdem nur die frisch selbst gemachte.

Wie man schon heraus lesen kann, Baby Led Weaning in seiner reinen Form sagt mir sehr zu. Wie bereits erwähnt, nicht, weil ich etwas gegen Brei hätte. Doch ich finde den Gedanken, dass das Baby etwas anderes zu essen bekommt, als die Familie, vielleicht sogar vor dem Essen gefüttert wird und dann entweder schläft oder spielt, wenn die anderen essen sehr befremdlich. Der Gedanke, dass alle gemeinsam am Tisch sitzen, das Baby auf dem Schoß oder auch schon im Hochstuhl, alle anderen normal am Tisch, gefällt mir ungemein gut. Wenigstens eine Mahlzeit am Tag gemeinsam einnehmen. Die Zeit zusammen wahrnehmen. Das Essen in seiner Gänze wahrnehmen und diese Momente, die einfach Oasen im Alltag sein können, schätzen und nutzen. Neben den ganzen Lernaspekten, ist für mich einfach wichtig, dass das Baby von Anfang an weiss, dass es ein vollwertiger Teil der Familie ist. Dass die Familie achtsam mit ihm umgeht. Und es kann selbst den achtsamen Umgang mit Lebensmitteln lernen. Eine Mahlzeit in Achtsamkeit eingenommen ist so viel wertvoller und vollwertiger als jede andere Mahlzeit. Man kennt diese Momente, in denen man sich bewusst hinsetzt und nur den Augenblick geniesst, meisst mit einer Tasse Tee. Eine komplette Mahlzeit kann ebenso ein solcher Moment sein. Ein Ruhepol, eine Kraftquelle im stressigen Alltag. Eine informelle Übung in Achtsamkeit sich selbst und anderen gegenüber. Deswegen ist der Weg, den ich für die Beikost wähle, der Weg für mich mein Leben und damit das meiner Familie umso achtsamer zu gestalten.

(Im übrigen hat meine Tochter pünktlich einen Tag nach ihrem 4-monatigen Geburtstag das erste Mal Essen von meinem Teller stibitzt und sich in den Mund gesteckt. Und dann fallen gelassen. So wie der größte Teil meines Essens auf dem Boden landete. Was mir in dem Moment egal war, denn die Freude und Faszination meiner Tochter über das Essen war einfach wunderschön und herrlich anzusehen.)

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